Stadtflucht

Ist es vernünftig, einer Jahreszeit nachzutrauern?

Der vorige Sommer war auch heiß, aber dieser war doch noch schöner. Nun neigt er sich langsam dem Ende entgegen.

Der Sommer in Berlin neigt sich dem Ende entgegen.

Der Sommer in Berlin neigt sich dem Ende entgegen.

Foto: pa/BM

Da steht man jetzt also am Seeufer, das Wasser schimmert noch immer gläsern und kühl und durscheinend grün wie neulich. Doch der Glanz ist erloschen, die Seeoberfläche liegt matt im Nieselregen. Es ist kalt. Außer zwei Enten ist niemand mehr da. Kaum vorstellbar, dass man hier vor zwei Wochen noch auf der Wiese lag, abwechselnd in die Sonne zwinkerte und ins Wasser sprang! Und dachte, es würde nie wieder anders.

Ja, der vorige Sommer war auch heiß, aber dieser war doch noch schöner. Vielleicht lag es einfach auch daran, dass man erst dieses Jahr wirklich daran glaubte, dass dieses Wetter wochenlang anhalten würde. Man traf gelassen Verabredungen für Sommerabende im Freien, Wochen im Voraus, man strich den Italienurlaub – bei uns duftete es schließlich so süß nach Kiefern wie dort nach Pinien – und Badeseen enthalten heutzutage ja auch viel weniger Plastik als das Meer.

Der Sommer war wie ein guter Freund

Man kaufte sich also ein drittes Paar Sandalen, weil man wusste: Ja, der Sommer wird bleiben. Manchmal war er ein bisschen trocken, fragen Sie mal die Bauern, aber trotzdem: Dieser Sommer war wie ein guter Freund, man konnte sich einfach auf ihn verlassen. Jetzt steht auf meinem Tisch ein Strauß aus Astern und Rosen wie der letzte Gruß eines verflossenen Liebhabers. Und die Katze guckt beleidigt von der Haustür in den Regen und erwartet, dass der nächste Sommer bitte jetzt sofort beginnt.

Ist es vernünftig, einer Jahreszeit nachzutrauern? Immerhin gehört der Wetterwechsel ja zu den wenigen Dingen, auf die man sich in dieser Welt noch verlassen kann. Zumindest war es bisher so. Ja, sicher verdanken wir dem Klimawandel einen Teil des schönen Wetters. Andererseits: Schon zu Rilkes Zeiten überfiel den Menschen die Melancholie, sobald sich die erste Regenwolke vor die Sonne schob. Das war 1902, als es das Wort Klimawandel noch gar nicht gab. Und in Paris, wo sich nie ein Mensch vorm Berliner Winter fürchten musste.

Was, also, erwartet uns jetzt? Okay, werden Sie sagen, die Lebkuchen wurden ja dieses Jahr schon im August aufgebahrt. Auch die erste Grippe haben wir schon durch, sagen Berliner Hausärzte, die sich bei 35 Grad im Juli und August plötzlich von Scharen niesender, schnupfender Hauptstädter heimgesucht sahen. Auf dem Land haben die Kraniche schon länger geahnt, dass das mit dem Sommer nicht mehr lange gut geht. Kraniche sind diese Vögel mit dem melancholischen Ruf und den schwarzen Trauerschwingen. Ibykus, Sie wissen schon. Auch wenn die offiziellen Kranichwochen erst Ende September stattfinden: Ihre Abreise organisieren die schönen Vögel schon jetzt.

Auch der Herbst hat seine Vorteile

Was bleibt, ist, nun ja: Herbst. Pflaumen, Kürbisse, Gemütlichkeit. Bei uns sind dieses Jahr auch die Pfirsiche so süß und rot, als hätten sie italienische Wochen. Danach: Pilze, vielleicht, wobei wir auch die ersten dieses Jahr schon im August gefunden haben, nach einem Regen.

In Berlin kommen gerade Regenmäntel in Mode, Funktionskleidung und übergroße Pullover. Überhaupt rüstet man sich in der Großstadt ja gern für den Herbst wie für eine Safari in eine fremde, düstere Welt. Was ich an sich gar keine schlechte Idee finde. Wer das Selbstverständliche zum Abenteuer macht, hat schließlich weniger zu meckern.

Wenn Sie doch noch einmal den Sommer spüren wollen, habe ich da einen Tipp: Versuchen Sie es mal in der U-Bahn. Tief unter der Erde hat die BVG noch ein bisschen Hitze und Schweißgeruch für uns konserviert. Leider ohne Sauerstoff. Auch im Sommer ist eben nicht alles klasse. Zumindest aufs U-Bahn-Fahren hätte ich gern verzichtet.