Stadtflucht

Müll als letztes Zeichen menschlichen Lebens

Uta Keseling schreibt, wie sie diesen Sommer aus Versehen keinen Abfall mehr produzierte und warum sie das nicht wieder tun würde.

Jeder Mensch hat eine Geschichte zu erzählen, sagt Uta Keseling.

Jeder Mensch hat eine Geschichte zu erzählen, sagt Uta Keseling.

Foto: pa/BM

Diesen Sommer habe ich eine Art Katzenurlaub gemacht und mich möglichst wenig bewegt. Mein einziges Ziel war, wie die Katze möglichst unauffällig im Garten im Schatten zu liegen. Wenn ich mich bewegte, dann nur, um nachzuschauen, was es als nächstes zu essen gibt. Kleine Ausnahme: Ab und zu war ich baden. Wegen der Hitze, die 300 Seen der Uckermark müssen schließlich zu etwas gut sein. Ansonsten wartete ich auf Regen, las Bücher und tat nichts.

Was ich erst hinterher herausfand: Mein Urlaub war damit dieses Jahr so ökologisch, biologisch, regional und klimafreundlich wie kein anderer, den ich je zuvor gemacht habe. Keine Flugscham, kein CO2, nicht mal Fleisch haben wir gegessen, also fast, und auch ansonsten eigentlich keines der vielen Ge- und Verbote übertreten, die für (Um-)Weltfreunde neuerdings gelten.

Das einzige, was mir im Urlaub fehlte, war das richtige Bewusstsein, wenn auch nur aus Versehen. So kam ich gar nicht auf die Idee, alles, was ich tat, pflanzte oder aß, sofort über Twitter, Instagram oder Facebook zu teilen, weil es von biologischem und klimapolitischem Interesse sein könnte. Es erfuhr zum Beispiel niemand, dass ich die Wiese hinterm Haus nicht mehr mähte, denn mein Motiv war keine bienenfreundliche Insektenschutzstrategie, um die Welt zu retten. Ich fand einfach, dass die rosafarbene Schafgarbe dort so schön blühte.

So bio und autark, dass wir zum Schluss nicht mal Müll hatten

Den Höhepunkt erreichte mein unbewusstes Bio-Vorbilddasein, als meine vegane Schwester zu Besuch kam, im Gepäck einen Wäschekorb mit der Ausbeute ihres Biogartens. Dank ihrer Rezepte entdeckten wir auch unser eigenes Gemüse neu und das eine oder andere essbare Unkraut noch dazu. Wir buken Brot, machten veganes Eis und lebten so autark, dass wir zum Schluss nicht mal mehr Müll hatten.

Das war der Punkt, an dem ich Angst bekam. Ich fürchtete, man könnte uns im Dorf für tot halten. Leere Mülltonnen sind ein schlechtes Zeichen. Ähnlich wie die verwahrlosten Gärten, an denen man früher erkannte, dass ein Haus nicht mehr bewohnt war oder dass die Bewohner so alt waren, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis … Sie wissen schon.

Weil heute bei ersten Anzeichen der Vernachlässigung im Garten sofort Berliner im Dorf herumfragen, ob das Haus zu verkaufen ist, werden die Vorgärten wieder sorgfältiger gepflegt. Als zuverlässiger Indikator für menschliches Leben in einem Haus bleibt also nur Müll. Als ich vor unserer leeren Tonne stand und darüber nachdachte, fand ich das zuerst traurig. Warum produzieren wir eigentlich all diesen Müll, den man dann abends im Fernsehen in den Weltmeeren herumschwimmen sieht, wenn es doch anders geht?

Ein umfriedeter Mülltonnplatz ist "wohnwerterhöhend", ah ja

Andererseits: Wenn ich in der Stadt lebe, werfe ich so viel weg wie alle anderen auch. Man kann eben bei Edeka Käse und Müsli nicht lose mitnehmen. Oder die Kartoffeln auf dem eigenen Hinterhof pflanzen. Just dort hat unsere Berliner Hausverwaltung stattdessen nämlich einen Mülltonnenplatz anlegen lassen. Mit Türchen und Zaun, wie einen kleines Heiligtum. Rundherum blieb der Hof zugewuchert und vergammelt, für einen Fahrradständer, eine Sandkiste, vielleicht sogar eine schattige Bank unterm Baum war kein Geld da. Oder es war nicht so wichtig. Als ich nachfragte, erfuhr ich: Ein umfriedeter Mülltonnenplatz gilt laut Mietspiegel als „wohnwerterhöhend“. Eine Sandkiste nicht.

Wer also den Gedanken absurd findet, Hausmüll nur deshalb zu produzieren, damit die Umwelt weiß, dass man noch lebt, dem sei gesagt: Müll kann sogar noch mehr. Er ist ein Statussymbol. Zumindest in Berlin.