Stadtflucht

Wenn das Leben in Berlin sich anfühlt wie ein Film

In Berlin reicht eine S-Bahn-Fahrt, auf dem Land ein Marktbesuch, damit die Geschichte wieder da ist, schreibt Uta Keseling.

Reporterin Uta Keseling pendelt zwischen Kreuzberg und der Uckermark.

Reporterin Uta Keseling pendelt zwischen Kreuzberg und der Uckermark.

Foto: Reto Klar / Funke Foto Service / FUNKE Foto Services

Berlin. Kennen Sie diese Momente, in denen man mitten im Alltag das Gefühl hat, man wäre in einem Film? Zum Beispiel, wenn man mit der S-Bahn vom Zoo zur Friedrichstraße fährt. Nur ein paar Stationen, man schaut aus dem Fenster – und plötzlich läuft ein Stück Berliner Geschichte vor einem ab. Man sieht den Bahnhof Zoo und erinnert sich, wie damals die grünen D-Züge aus „West-Deutschland“ hier ankamen. Oder man läuft durchs Regierungsviertel, findet es zugig und kalt wie 1990, als der Wind hier den Sand über die gigantische Leere fegte.

Und im Bahnhof Friedrichstraße erinnerte ich mich neulich an all die seltsamen Gänge und Türen – als der Bahnhof geteilt war, war er ein Labyrinth. Fast meinte ich, im Gewimmel auch wieder diese barschen Stimmen der Grenzbeamten zu hören: „Weitergehen! Wo wollen Sie hin? Nicht stehen bleiben hier!“ Solche Momente vermitteln mir immer das Gefühl: Hier spricht Berlin. Man versteht etwas über die Welt, die Zeitläufte und die Menschen.

Auf dem Land entstehen solche Erfahrungen anders

Auch auf dem Land gibt es solche Erfahrungen, aber sie entstehen doch irgendwie anders. Wie neulich, als auf dem Wochenmarkt Schüler unterwegs waren, um den Händlern fragen zu stellen. Sie waren professionell mit Klemmbrettern und Kulis ausgerüstet und sollten, so verstand ich das, herausfinden, wie ein Wochenmarkt wirtschaftlich funktioniert. „Warum haben Sie sich entschieden, hier auf dem Markt Ihre Waren zu verkaufen und nicht auf dem Großmarkt?“, lautete die erste Frage. Sie klang ganz harmlos, aber dann!

Unser Gemüsebauer ist ein lustiger Kerl, bei ihm gibt es nicht nur die besten Gewürzgurken (selbst eingelegt), besten Kartoffeln, den beliebtesten Spargel. Die Schlangen sind sind an seinem Stand auch deshalb so lang, weil er es versteht, seine Kundschaft zu unterhalten. Auf die Schülerfrage hin holte er tief Luft. Bei Themen wie diesen kann er sicher sein, alle hören zu. „Das war damals gar keine freie Entscheidung, wie hatten doch gar keine Wahl, nach dem dem Zusammenbruch der DDR!“, rief er in die Runde. „Zu DDR-Zeiten“, erklärte der Markthändler dem Schüler und wohl auch manchem Zugezogenen in der Reihe, „wurde alle Ware zentral über den staatlichen Großhandel angekauft und weitervertrieben. Aber nach dem Mauerfall brach von einem Tag auf den anderen alles weg. Plötzlich war da niemand mehr, der uns die Ware abnahm. Also haben wir alles auf einen Lastwagen gepackt, uns auf den Markt gestellt und geguckt, was passiert“.

Äpfel aus Australien statt aus der DDR

Der Schüler notierte schweigend, was damals ein Abenteuer war. „1990 wollte ja keiner die DDR-Produkte mehr haben, alle wollten Äpfel aus Australien, auch wir haben unsere eigenen Apfelbäume umgehauen.“ Doch das Wagnis ging auf. „Ein paar Jahre später war alles wieder anders, plötzlich waren die alten Sorten wieder gefragt.“ Zwar gebe es die guten DDR-Sorten von damals heute kaum noch. Er deutete auf eine Apfelkiste. „Aber wir bekommen diese hier von einem Obstbauern hier aus der Gegend.“ Zu Ostzeiten hätte man wohl „Bückware“ dazu gesagt. Der Händler lächelte. Sein Angebot besteht heute nicht einfach aus Obst und Gemüse, sondern dem, was es ausmacht.

Auf dem Land, wo es keine Mauer gab, ist die DDR oft noch viel präsenter als in Berlin, wo etwa jeder zweite zugezogen ist und immer mehr Bewohner jünger sind als die deutsche Einheit. Auf dem Land hat alles ein „Davor“ und „Danach“. Selbst Äpfel. Vielleicht liegt es auch daran, dass der 30. Jahrestag des Mauerfalls hier mit weniger Pathos begangen wird als in Berlin.