Kolumne

Warum man Müll auf die Straße wirft und sich gut fühlt

Der öffentliche Gabentisch auf dem Land funktioniert, der in der Stadt leider gar nicht.

Obst und Gemüse an einer Kasse des Vertrauens auf dem Land.

Obst und Gemüse an einer Kasse des Vertrauens auf dem Land.

Foto: Foto: Uta Keseling

Berlin. Wer in diesen Tagen über die Dörfer fährt, sieht sie wieder: Kleine Gabentische am Straßenrand, auf denen allerlei Obst und Gemüse ausgelegt ist, gern auf karierten Tischdecken und oft sogar mit Sonnenschirm. „Zum Mitnehmen“ steht dann daneben. Oder es steht einfach nur eine Geldkassette da mit dem Hinweis: „Kasse des Vertrauens“. Saison haben derzeit Bohnen, Zucchini, hellgelbe Augustäpfel, die ersten Pflaumen. Und Eier, aber die gibt es ja sowieso fast das ganze Jahr über.

Die Stände sind eine willkommene Möglichkeit für Hobbygärtner, ihre überschüssige Ernte sinnvoll zu teilen – und oft auch, miteinander ins Gespräch zu kommen. Wer die Ernteergebnisse ordentlich lobt, bekommt im Gegenzug wertvolle Tipps für den eigenen Garten. Mir persönlich gefällt auch der Begriff „Kasse des Vertrauens“. Es klingt immer ein bisschen, als würde man Vertrauen einzahlen und Gemüse zurückbekommen. Eine schöne Idee.

Neuerdings gibt es auch in Kreuzberg Angebote, die auf den ersten Blick ähnlich aussehen. Im Durchgang zum Hinterhof unseres Mietshauses zum Beispiel stellen Menschen immer öfter altes Geschirr oder vergilbte Bücher hin. Es gab auch schon einen gesprungenen Spiegel, mehrere Röhrenfernseher und neulich sogar einen fremdartigen technischen Apparat, der wochenlang vergeblich auf einen neuen Besitzer wartete. Andere Spender packen Kartons voller Kram direkt auf die Straße. Alte Kleider, Kinderspielzeug, manchmal sogar abgelaufene Konservendosen. Auch sie legen einen Zettel daneben: „Zu verschenken“. Nur eine Kasse des Vertrauens gibt es nie.

Das Wegschmeißen im Namen des Guten macht leider Schule

Der kleine Unterschied zwischen den Gabentischen in der Stadt und auf dem Land: Für den Sperrmüll hat sich noch nie jemand bedankt. Es ist meist der Reinigungsdienst oder die BSR, die ihn kommentarlos entsorgen. Die Kosten werden auf alle umgelegt. Ob die Kreuzberger „Schenker“ tatsächlich glauben, anderen etwas Gutes zu tun? Sind sie doch nur zu faul, sich auf den Flohmarkt zu stellen? Vielleicht haben sie auch ein Problem damit, von Dingen loszulassen, wer weiß. Fakt ist: Wo einer was wegwirft, steht am nächsten Morgen noch mehr. Denn Wegschmeißen im Namen des Guten macht gerade Schule.

Der prominenteste auf diese Weise „verschenkte“ Gebrauchsgegenstand in Kreuzberg ist die Matratze. Mal dezent ins Gebüsch gelegt, mal dekorativ an einem Baum gelehnt oder demonstrativ am Straßenrand geparkt – bei uns hat man meist eine Auswahl. Besonders beliebt war das Klappbett, das neulich, komplett und intakt, an an einem Kreuzberger Vorgartenzaun lehnte. Nach zwei Tagen verschwand der metallene Rahmen, dann der hölzerne Bettkasten, zuletzt blieb nur noch die Matratze übrig. Kingsize, Übergröße, so lag sie mitten auf dem Bürgersteig. Zuerst richtete sich ein älterer Mann darauf ein, ein paar Nachbarn blieben am Bettrand stehen wie bei einem Kranken und teilten ihre Essenseinkäufe mit ihm.

Auch im Dorf taucht der erste Sperrmüll auf, daran ein Zettel

Am nächsten Abend waren die Matratzenbewohner zu zweit, später zu dritt und sehr laut, am nächsten Morgen lagen neben den Schlafenden Scherben und der Vorgarten war zum Klo umfunktioniert. Es gibt ja rundum nirgendwo auch öffentliche Toiletten. Am dritten Tag war die Matratze weg.

Man sagt ja, Trendbezirke wie Kreuzberg nähmen die Entwicklungen anderswo voraus. Tatsächlich stand neulich bei uns im Dorf der erste Sperrmüll am Gehweg, daran ein Zettel: „zu verschenken“. Als ich nachfragte, hieß es: Es sei doch eine sehr gute, weil soziale Idee. Und überhaupt habe man das in Berlin so gesehen.