Stadtflucht

Berlin ist wie ein Spielplatz für Erwachsene

Hier bunt bemalte Straßen, dort Roller und Räder – was passiert, wenn sich einige im Namen des „Teilens“ alles nehmen.

E-Scooter rollen durch die sogenannten Trendbezirke

E-Scooter rollen durch die sogenannten Trendbezirke

Foto: Reto Klar/dpa/BM Montage

Berlin. In Kreuzberg sieht es derzeit aus wie auf einem riesigen Spielplatz. Es fing an mit grünen Punkten und Wackersteinen, die Autofahrer stoppen sollten, es kamen rot-weiße Poller, dann bunte Radwege, wo vorher Parkplätze waren. Und neuerdings häufen sich auf den Bürgersteigen Leihfahrräder, E-Mopeds und E-Tretroller. Nicht ein paar, sondern gleich stapelweise stehen und liegen sie auf den Gehwegen herum – wie achtlos liegengelassenes Spielzeug von Riesenkindern.

Was mich daran nervt, sind nicht nur Chaos und Unfälle, sondern das Argument, mit dem es diese Dinger überhaupt auf die Straße geschafft haben. Dabei werden hochfliegende Begriffe bemüht. Es gehe ums „Teilen“, heißt es: Nur wenn wir bereit sind, mit anderen zu teilen, statt zu besitzen, also den öffentlichen Raum und die Verkehrsmittel, hat unsere (Um-)Welt eine Zukunft. Eine schöne Idee, nur hat sie wenig mit der Realität zu tun.

Was sollen die Leihroller ausgerechnet in Kreuzberg?

Bleiben wir vor meiner Haustür in Kreuzberg. Also dem Bezirk, wo sich Menschen seit Jahrzehnten auf allerlei bunten, pedalgetriebenen Fahrzeugen bewegen, gern auch per Lastenrad zum Transport von Kind und Kegel. Wer kein eigenes Rad hat, kann sich an jeder Ecke eins ausleihen, weil es unzählige Fahrradläden gibt. Oder man fragt Kumpel und Nachbarn. Ich kenne in Kreuzberg viele Menschen, die gar kein eigenes Auto haben, aber dennoch über eines verfügen, wenn sie es brauchen. Autos werden verliehen, sie gehören WGs oder Familien, gern organisiert per Whats­app-Gruppe. Im Zweifel gibt man dem „Verleiher“ ein Bier aus.

Was die „Sharing Economy“ nun neu entdeckt hat, ist genau das: Wie man aus dieser Lebenshaltung (vielleicht ist es auch nur Kreuzberger Pragmatismus) ein gutes Geschäft macht. Indem man sich sozusagen die Argumente der Gegenseite zu eigen macht und sie ihr für Geld wieder andreht, ohne dass sie das auch nur bemerkt.

Was sollen die Leihroller und Räder ausgerechnet in Stadtvierteln wie Kreuzberg? Denn nur hier werden sie angeboten – in sogenannten Trendbezirken, die meist innerhalb des S-Bahnrings liegen wie Kreuzberg, Friedrichshain, Mitte oder Prenzlauer Berg. Also da, wo eh jeder ein Rad hat plus U-Bahn und Bus vor der Haustür. Wer aber weiter außerhalb wohnt oder hinfahren will – also dahin, wo der öffentliche Nahverkehr nur noch sporadisch fährt, hat Pech gehabt. Zwei Drittel der Berliner leben außerhalb des S-Bahnrings.

Es geht vor allem um die Daten der Nutzer

Bei den Rollern und Rädern geht ein Euro meist allein fürs Entriegeln drauf, dann wird im Minutentakt abgerechnet. Von Kreuzberg zum Bahnhof Zoo kostet eine Fahrt dann schnell fünf Euro oder auch mehr. Pro Person, denn mit mehreren Personen „teilbar“ sind Roller und Räder ja nicht. Eigentlich, denn gerade die E-Scooter werden gern (verbotenerweise) zu zweit genutzt. Ist ja auch lustiger.

Worum geht es also? Doch nur um den Spaß? Ja, auch. Und es wird auch „geteilt“: Der öffentliche Raum, den die Verleiher gratis nutzen dürfen – im Gegensatz zu anderen Gewerbetreibenden. „Geteilt“ werden die Gebühren, vor allem aber die Daten der Nutzer. Denn diese sind sehr viel wert, gerade, wenn es um Mobilität und das Bezahlen im Internet geht. Wer jetzt mit dem Umwelt-Argument kommt, dem sei gesagt: E-Tretroller werden in erster Linie für Strecken genutzt, die sonst zu Fuß zurückgelegt würden. Und sie sind schon nach wenigen Wochen Schrott – samt den Akkus Ach ja, sagt die Politik, das alles ist erstmal nur ein großer Test? Das glaube ich gern. Nur dass es dabei einigen derzeit weniger um eine bessere Welt geht als darum, sich von der realen ein gutes Stück für sich selbst abzuschneiden.