Stadtflucht-Kolumne

Irgendjemand tanzt nachts über die Autos

Wer auf dem Land wohnt, hat Mitbewohner – nicht immer freiwillig. Wie wir zu einer Art Airbnb für tierische Gäste wurden.

Reporterin  Uta Keseling  pendelt zwischen Kreuzberg und der Uckermark.

Reporterin Uta Keseling pendelt zwischen Kreuzberg und der Uckermark.

Foto: Reto Klar

Als wir aufs Land zogen, war eine häufig gestellte Frage, ob wir uns nicht einsam fühlen würden, so abseits der Zivilisation. Dann erklärte ich, dass im Dorf außer uns ja noch 250 andere Menschen lebten, und freute mich insgeheim auf die Einsamkeit, ahnte aber nicht, wie sehr ich mich täuschte.

Es begann harmlos – mit Mäusen. Wenn die Nächte kühler werden, sucht sich die Hausmaus, genau wie der Mensch, gern einen warmen Platz. Dass Mäuse dabei gern Mehl, Zucker und Nudeln mitnehmen, entdeckten wir erst, als es zu spät war. Nach einigen wenig erfolgreichen Abwehrversuchen zog schließlich die fremde Katze bei uns ein, die eigentlich nicht zu uns gehört, aber das ist eine andere Geschichte. Seitdem muss man sich unsere Landwinter als ein Katze-Maus-Mensch-Integrationsprogramm vorstellen. Ja, wir füttern die fremde Katze. Und ja, wir haben immer noch Lebendfallen. Und Mäuse.

Der nächste Zuzug in unsere Landgemeinschaft kam in einer wolkigen Frühlingsnacht. Ich war allein im Haus und fand die Dunkelheit ohne Mond und Sterne etwas unheimlich. Man sieht dann nicht mal mehr die Hand vor den Augen. Aber man hört umso mehr.

Es war erst nur ein leises Kratzen. Ich schlief wieder ein, erwachte von einem Rumpeln, am nächsten Morgen hielt ich es für einen Traum. Doch der Krach blieb, bis es schließlich klang wie ein Fußballspiel unterm Dach.

Als ich einem älteren Nachbarn davon erzählte, grinste er nur und meinte: Mutmaßlich sei eine Marderfamilie auf unserem Dachboden eingezogen. Ich las nach und erfuhr, dass Marder nach der Aufzucht der Jungen wohl auch wieder ausziehen. Also war ich beruhigt. Wer setzt schon gern Marderbabys auf die Straße? Der Lärm war irgendwann tatsächlich wieder vorbei.

So beunruhigte es mich auch nicht, als im folgenden Frühjahr wieder Geräusche vom Dachboden kamen. Gut, es war ein bisschen lauter und hörte sich eher an, als würde jemand Möbel rücken oder umwerfen. Oder gleich den ganzen Dachstuhl herausreißen. Aber gut, dachte ich, vielleicht sind die neuen Marderkinder dieses Jahr Jungen. Bis ich eines Morgens aus dem Fenster schaute und entdeckte: Jemand war über die Autos gelaufen. Über alle, die an der Straße parkten. Was, bitte, sollte das?

Sämtliche Autodächer zierten deutliche Spuren, als hätte darauf eine Art Tanzparty stattgefunden. Als ich näher heranging, wurde es noch seltsamer: Die Abdrücke stammten von Händen. Als wir die Einstiegsluke auf dem Dach entdeckten – jemand war offenbar an der Regenrinne hochgeklettert, hatte Dachziegel hochgedrückt, die Dämmung zerfetzt –, war ich endgültig genervt. Denn alle Spuren deuteten auf Waschbären.

Was bedeutet es konkret, als Mensch in die Natur einzugreifen? Bisher war ich der Frage ausgewichen. Mäuse, Katzen, selbst Spinnen (wegen der Mücken) sind uns als Mitbewohner willkommen. Vögel bewohnen eigene Villen, im Holzschuppen seufzt abends ein Igel, ein Eichhörnchen frisst im Herbst alle Haselnüsse – alles okay. Aber Waschbären? Unser Haus auf dem Land, so kam es mir vor, ähnelte immer mehr Airbnb für ungebetene tierische Gäste.

Die Tierliebe endete, als wir unterm Dach den Haufen entdeckten, den uns der Waschbär hingesetzt hatte. Er sah, nun ja, menschlichen Hinterlassenschaften widerlich ähnlich. Trotzdem wurden wir nicht zu Waschbärenmördern. Die Dachreparatur war teuer, wir trennten uns vom wilden Wein, der als Kletterhilfe diente. Seitdem waren die Bären nicht mehr im Haus. Nur auf den Autos feiern sie nachts immer noch Partys.