Stadtflucht

Wenn früh am Morgen die Motorsense röhrt

Auf dem friedlichen Dorf kann es auch laut zugehen - zumindest wenn der Nachbar aus der Stadt einen Kettensägenkurs absolviert hat.

Uta Keseling pendelt zwischen Kreuzberg und der Uckermark

Uta Keseling pendelt zwischen Kreuzberg und der Uckermark

Foto: Reto Klar

Es war einer von diesen tiefen Sommermorgen, wie es sie nur im Juni gibt. Dieser eine, stille Moment des Übergangs zum Tag: Wenn es noch kühl ist, der Garten taufeucht und so leise, dass man glaubt, sogar das Knistern der sich öffnenden Blüten zu hören. Selbst der Flügelschlag einer Schwalbe erscheint dann als störend. Und erst recht das: Rrrrrrrrrrrröööööööööm! Dengdengdeng! Rrrrrrrööööööööööööm!

Zuerst hielt ich das Geräusch für einen Irrtum. Kommt ja mal vor, dass sich Tiefflieger über unser Dorf verirren, immer montags wird im Nordosten Manöver gehalten, aber es war kein Flieger und auch nicht Montag. Baumaschinen kamen auch nicht in Frage. Die einzige Baustelle des Dorfes ruht seit Monaten, die öffentliche Hand will das Feuerwehrhaus ausbauen, aber nun ja, das mit dem Bauen ist auf dem Dorf nicht anders als in Berlin.

In Berlin macht mir Lärm eigentlich nie Sorgen

Röööööööööööööööööööm! Musste ich mir Sorgen machen? In Berlin macht mir Lärm eigentlich nie Sorgen. Also, ich mag ihn nicht, aber er gehört dazu. Wenn abends nicht wenigstens von fern irgendwo eine Sirene heult, kann ich nicht einschlafen. Kreischt vor meinem Kreuzberger Fenster nicht regelmäßig ein Protzmobil auf, habe ich das Gefühl, die Stadt ist kaputt.

Auf dem Dorf bedeuten fremde Geräusche zunächst Angst. Klar, man kennt den netten alten Nachbarn, der immer früh um sechs Rasen mäht, ist ja auch kühler dann. Oder den tackernden Panzer-Diesel des russischen Allzweckfahrzeugs von der „LPG“: Wenn das Ding vorbeirasselt, weiß man: Fenster zu, die Ernte läuft an.

Das Rööööööööööööööm aber war irgendwie anders. Es hörte einfach nicht wieder auf. Nach zwei Stunden vergeblichen Wartens lief ich auf die Straße, um nachzusehen.

Der Ritter mähte mit einer Motorsense eine Wiese ab

Dann stand ich vor einer Art Ritter. Also, einem Mann in schwarz-grünem Anzug, auf dem Kopf trug er einen Helm mit Visier und Mundschutz. Dazu Ohrenschützer. Die Hände steckten bis zu den Ellenbogen in Handschuhen mit Stulpen. Vor sich schwenkte er wie ein Schwert ein Ding hin und her: Röööööööööööööööm!

Es war eine Motorsense. Der Ritter mähte damit eine Wiese ab – im Zeitlupentempo. Es war ganz offensichtlich das erste Mal. Und ich ahnte, wer sich unter dem Aufzug verbarg. Klaus, der neue Nachbar. Wobei „neu“ relativ ist, er lebt schon seit einigen Jahren im Dorf, allerdings wie wir nur an Wochenenden. In seinem Stadt-Leben ist er Arzt, aber sein Dorf-Ich führte von Beginn ein anderes Leben.

Klaus absolvierte einen Kettensägenkurs und hatte nun einen Spitznamen

Anfangs lief Klaus mit einem romantischen Strohhut, Gummistiefeln und einer handgeschmiedeten Sense herum, die er jedoch so viele Stunden lang dengelte – klong klong klong – bis ein anderer Nachbar ausrastete. Danach wuchs die Wiese weiter, Klaus absolvierte einen Kettensägenkurs, erfreute das halbe Dorf mit geschenktem Pappelholz für den Winter und hatte nun einen Spitznamen: Kettensägen-Klaus.

Offenbar war nun das nächste Equipment angekommen. Motorsensen, muss man dazu wissen, machen ein ähnliches Geräusch wie Kettensägen. Oder Laubsauger, mit denen Berliner Hausmeister gern Hinterhofbewohner wecken. Die Sensen werden normalerweise an unwegsamen Straßenrändern eingesetzt, wo sie eher niemanden stören. Und nur so lange, bis das Gras ab ist.

Heinz hörte nichts, bei ihm lief den ganzen Tag der Kompressor

Ich fragte Heinz, einen weiteren Nachbarn, ob man Klaus nicht auf seinen Lärm aufmerksam machen sollte. Doch ich stieß auf Unverständnis. Er habe gar nichts gehört, sagte Heinz, denn er habe den ganzen Tag seinen neuen Kompressor laufen gehabt. „Habt Ihr gar nichts gehört? Dann ist der Kompressor wohl gar nicht so laut, wie ich dachte.“