Stadtflucht

An der Badestelle sind alle gleich

Wer im Dorfsee schwimmen geht, taucht in viel mehr ein als nur ins kühle Wasser, beobachtet unsere Kolumnistin Uta Keseling.

Die Uckermark hat hunderte Seen – große, kleine, bekannte und vollkommen verborgene, klare, trübe, grüne, kalte. Und dann sind da noch die ganz besonderen Badestellen. Die man zwar kennt, aber nicht gern weiter verrät, schreibt Uta Keseling.

Die Uckermark hat hunderte Seen – große, kleine, bekannte und vollkommen verborgene, klare, trübe, grüne, kalte. Und dann sind da noch die ganz besonderen Badestellen. Die man zwar kennt, aber nicht gern weiter verrät, schreibt Uta Keseling.

Foto: dpa/Reto Klar / BM

Berlin. Neulich traf ich einen Politiker in Berlin, der mir nach unserem Interview eine kuriose Frage stellte. Ich hatte ihn am Schluss nach seiner Herkunft gefragt, und es stellte sich heraus, dass er in unserem Dorf aufgewachsen ist – also da, wo ich seit fast 20 Jahren meine Wochenenden verbringe. So etwas! Das Dorf hat nur 250 Einwohner, der größere Teil besteht heute aus Zugezogenen. Wie war das Leben damals, als es noch Schule und Konsum gab im Dorf? Wer waren die früheren Bewohner unseres Hauses, wie war das Landleben in der DDR? All das wollte ich wissen. Dann kam die Gegenfrage: „Welche Badestelle würden Sie empfehlen?“

Ich war nicht ganz sicher, was ich antworten sollte. Die Seen sind ja so ziemlich das Einzige, was heute bei uns noch so ist wie vor 40 Jahren. Andererseits hat es damit eine besondere Bewandtnis. Die Uckermark hat hunderte Seen – große, kleine, bekannte und vollkommen verborgene, klare, trübe, grüne, kalte. Manche (wenige) haben offizielle Badestellen mit Sprungtürmen und Beachvolleyball, andere bieten romantische (manchmal verbotene) Stege. Und dann sind da noch die ganz besonderen Badestellen. Die man zwar kennt, aber nicht gern weiter verrät, zumindest nicht jedem. Denn wer auf dem Dorf baden geht, taucht in viel mehr ein als nur ins kühle Wasser.

Als wir damals noch neu waren, boten uns schon im Februar die ersten Stegbesitzer großzügig ihren Zugang am Dorfbadesee an. Und betonten, sie seien da ja nicht so. Aber wehe, man würde den Steg der Nachbarn benutzen.

Im Sommer gingen wir dann doch lieber an den „Strand“ für alle, der damals aus einer matschigen Uferstelle bestand, an der die Feuerwehr das Schilf gerodet hatte. Und wo sich, wie wir bald verstanden, vor allem Familien mit ihren Hunden und Kindern trafen, die vom Strand aus lauthals dirigierten. Alle anderen kamen, schwammen und gingen wieder.

Keine Straße führt zur Badestelle, kein Schild

Dann fanden wir die Lieblingsbadestelle. Unsere Nachbarn weihten uns irgendwann ein, nachdem sie an heißen Tagen zunächst immer verschwanden und wortlos mit nassen Haaren wiederkamen. Dann meinten sie, die Lieblingsbadestelle würde doch auch gut „zu uns passen“. Oder umgekehrt?

Keine Straße führt dorthin, kein Schild, nur Kühe und Vögel sind Nachbarn. Das Wasser ist dort noch grüner, klarer, kühler als in unserem See. Und der Sonnenuntergang …! Erst nach einigen Besuchen fiel uns auf, was noch anders war – die Menschen.

Natürlich wird auch am Lieblingsstrand auf den ersten Bick jedes Klischee erfüllt, aber dann auch wieder nicht. Die Holländer zum Beispiel, ein älteres Ehepaar: Sie rücken immer mit Stühlen, Kühltasche und großen Hüten an. Dann aber gehen sie nicht schwimmen, sondern plantschen nur vorn im Seichten wie dicke Kinder, bis der ganze Strand lacht. Oder der Goldkettchen-Mann (Fliegerbrille, Bauchansatz), der mit seinem Hund gewählte Dialoge führt. „Was meinst du, soll ich noch eine rauchen oder gehen wir gleich rein?“ Der Hund passt dann aufs Handtuch auf und kläfft höchstens kurz, wenn neue Nachbarn kommen. Und an der Sandgrube verleihen Zweijährige höflich ihre Bagger.

Irgendwann fällt einem auf, dass manche Gäste bekannte Schauspieler sind oder Künstler, aber das gilt nur in Berlin. An der Badestelle sind alle gleich. Ich weiß nicht genau, ob der Politiker diesen Ort mochte, den ich beschrieb. Aber ich bin sicher, dass er danach mehr über mich wusste. Könnte sein, dass er auch deswegen gefragt hat.