Stadtflucht

Von der autofreien Zone in die heile Welt

Zwischen Berlin und der Uckermark liegen 90 Kilometer – doch die Distanz ist eigentlich viel größer. Die neue Kolumne von Uta Keseling.

Reporterin  Uta Keseling  pendelt zwischen Kreuzberg und der Uckermark.

Reporterin Uta Keseling pendelt zwischen Kreuzberg und der Uckermark.

Berlin. Grüneberg, Löwenberg, Vogelsang, Hammelspring – märchenhafter kann eine Flucht aufs Land kaum klingen. Die Dörfer sind die Haltestellen des Zuges, der mich neuerdings in die Uckermark bringt. Mich und die vielen anderen Neu-Landberliner. Denn in Berlin-Mitte, hat man den Eindruck, hat ja mittlerweile jeder ein Haus in der Uckermark oder kennt jemanden, der eins hat. Oder hat zumindest Eier „aus der Uckermark“ im Kühlschrank, die neuerdings in Berliner Supermärkten angeboten werden. Offenbar verkaufen Eier sich mit diesem Ausdruck super, auch wenn sie aus Massentierhaltung stammen. Die Uckermark als Synonym für die heile Welt.

Vielleicht waren idyllische Ortsnamen ja damals im 19. Jahrhundert auch ein Marketing-Gag, um die landlustigen Berliner Richtung Uckermark zu lenken. Denn als die Bahnstrecke eröffnet wurde, war in Berlin das Landleben zwar auch schon sehr angesagt. Doch man reiste in die Sommerfrische dann doch eher an den Wann- oder gleich an die Ostsee. Dabei fuhr man stilvoll-altmodisch in der Kutsche. Oder ganz modern mit der gerade eröffneten Bahn.

So wie ich, neuerdings. Genauer gesagt fahre ich Zug, seit Berlin mit der Metamorphose zur autofreien Stadt begonnen hat, und zwar unmittelbar vor meiner Kreuzberger Haustür. Zwar ist seitdem der Stau noch länger und die Straße ist noch zugeparkter als früher. Dafür gibt es jetzt diese neue Anwohner-Parkzone im Bergmannkiez nebenan, die seitdem tatsächlich ziemlich autofrei ist, seit die Autos jetzt bei uns parken – gern auch in Einfahrten, auf Radwegen und in der zweiten Reihe. Um mich nicht aufzuregen, nenne ich das Experiment inzwischen einfach die Mein-Auto-freie Zone. Schon fühlt man sich wieder auf dem Weg in die Zukunft.

Mein Aufbruch aufs Land ist dagegen eine Zeitreise rückwärts. An den Fenstern des kleinen, diesel(!)getriebenen Triebwagens nach Templin zieht Berlins Großstadtgeschichte rückwärts vorbei. Es beginnt am Ostkreuz, der blinkende, brüllende Riesen-Umsteigebahnhof ist gerade modernisiert worden. Es folgen die Schlote und Türme der Industrieviertel Ost-Berlins, die in scheinbar endlose Plattenbaugebirge übergehen, bis man hinter Hohenschönhausen plötzlich geblendet die Augen schließt. Die Abendsonne flimmert durch märkischen Wald. Bei Zehdenick wird sie rotgolden hinter weiten Feldern versinken wie im Meer, und von draußen duftet es kühl und nach Heu und nach Harz.

Wenn zwischen Vogelsang und Hammelspring Rehe und Hirsche durch die Zugfenster schauen, dann weiß man: Das ist die Schorfheide – übrigens das größte zusammenhängende Waldgebiet Deutschlands. Und dann ist man da.

Mein Auto wartet an einem stillen uckermärkischen Bahnhof, zusammen mit immer mehr Pendler-Autos. Die letzten 15 Kilometer ins Dorf muss ich selbst fahren. Statt Straßenlaternen beleuchten Mond und Sterne die Landstraße. In der Berliner Innenstadt kann man sich vor lauter Bahnen, Bussen und Berlkönigen, Ubers, Elektrorollern und Leihrädern kaum für das richtige Verkehrsmittel entscheiden. In unser Dorf fährt einfach gar keins. Der Schulbus fährt nur, wenn Schule ist, Taxis für nachts müssen Tage zuvor bestellt werden.

Zwischen Berlin und der Uckermark liegen nur rund 90 Kilometer – doch die Distanz ist noch viel größer. In Regionen wie Rhein-Main oder dem Ruhrgebiet wären 90 Kilometer eine normale Pendler-Distanz. Bei uns ist man zwei bis drei Stunden dafür unterwegs. Was einerseits bedauerlich ist. Andererseits muss ich zugeben, dass eine Landidylle ganz ohne Einsamkeit auch schwer vorstellbar ist.