Gourmetspitzen

Tim Raues "Brasserie Colette" bietet hochklassigen Genuss

Die Gourmetspitzen: Heinz Horrmann besucht Tim Raues „Brasserie Colette“ an der Passauer Straße in der City West.

Horrmann Gastro Kritik , Restaurant Colette von Tim Raue in der Passauerstrasse

Horrmann Gastro Kritik , Restaurant Colette von Tim Raue in der Passauerstrasse

Foto: Massimo Rodari

Der Begriff „Hans Dampf in allen Gassen“ lässt sich in der Gastrobranche perfekt personifizieren: Tim Raue. Der Tausendsassa mit Kreuzberger Wurzeln und heute für mich einer der Top-Ten-Köche in Deutschland, hatte gerade ein Gastspiel in Korea, eröffnete vor Kurzem sein erstes Restaurant auf den Wellen, auf dem Kreuzfahrtliner „Mein Schiff 5“, arbeitet an Restaurantkonzepten für Dubai und vergrößert zu Lande die Zahl seiner Restaurants. Vorgestellt habe ich in den Gourmetspitzen bereits das Flaggschiff, das Restaurant „Tim Raue“, das „Sra Bua“, das „La Soupe Populaire“ sowie das „Studio Tim Raue“. Jetzt kommt also auf einer ganz anderen Schiene die „Brasserie Colette“ in der Tertianum Seniorenresidenz gegenüber dem KaDeWe. Natürlich lässt er keine Seniorenteller auftischen, dafür hat das Haus ein eigenes Restaurant. Es ist nur die räumliche Nähe. Tim Raue hat dort eine moderne Brasserieküche konzipiert.

Dieses „Colette“ hat eine interessante Vorgeschichte: Der erste Berliner Sternekoch, Siegfried Rockendorf, der 2000 gestorben ist, hat hier schon sein internationales Kochprogramm präsentiert. Heute hat man bewusst auf Gourmettempelatmosphäre verzichtet, legt auf die schönen, kleinen Marmortische weder Decken noch Sets. Das alles passt zum gesamten lockeren Programm. Ich wollte die Qualität von Küche und Service erleben und bewerten.

Einfach grandios

Die Speisekarte ist deutlich größer als normal, auf DIN A3 großem Karton gedruckt. Ich bestellte für den Überblick eine komplette Palette an Gerichten – und was dann serviert wurde, war einfach grandios. Häufig ist der berühmte kleine Salat ohne Liebe und Sorgfalt gemacht. Hier wird auf mariniertem Gemüse eine Variation von Blattsalaten mit Petersilienvinaigrette angerichtet. Oder wahlweise Rote Beete mit Himbeere und Johannisbeere und schließlich aromatische Artischocken mit Vinaigrette, Creme fraîche und Piment d’Espelette (besonders aromatisches Chiligewürz aus dem Baskenland). Seit Jahren habe ich nicht einen derart vorzüglichen Salat bekommen.

Appetitlich ist auch der zweite kleine Gang, der lauwarme Kalbskopf mit Kapern, Ei und Estragon. Im guten Durchschnitt ordne ich die Entenleberterrine mit Röstbrot, eingemachten Früchten und Friseesalat ein. Wer als Einstieg lieber ein Süppchen mag, bekommt für sechs Euro eine frische Zwiebelsuppe, dazu gibt es gratinierte Brioche und Schnittlauchöl.

Kommen wir zu den Highlights. Unter dem Begriff „Spanferkel“ gibt es normalerweise ein Stück Fleisch aus dem Rücken, hier wurde eine Haxe so splitterkross gebraten wie man es sich nur wünschen kann. Es ist ein sinnliches Vergnügen, dieses Gericht zu genießen, auch weil die Haut, wie gesagt, so splitterkross ist als würde man mit der Gabel auf Sperrholz schlagen. Dazu passen die verschiedenen Sorten von Senf. Die zweite totale Empfehlung ist das Huhn unter der Teighaube, so wie einst Paul Bocuse seine Trüffelsuppe anrichtete. Für die aromatische Begleitmusik dazu sorgen Trüffel und Haselnüsse.

Freunde der Fischgerichte kommen ebenfalls nicht zur kurz. Dorade, Lachs und Hummer stehen auf der Karte, ebenso wie eine kleine Abteilung vegetarischer Gerichte. Gewiss sind im Tagesangebot auch etliche Standards, die nicht aus dem Rahmen fallen, wie etwa Steak Frites mit Sauce béarnaise oder Boeuf bourguignon mit Champignons und Schalotten.

Höchste Produktqualität, kundenfreundlich kalkuliert

Ungewöhnlich breit ist auch das Dessertangebot. Neben den üblichen Klassikern Mousse au Chocolat und Crème brûlée bietet die Küche köstliche Zitronen- oder Apfeltarte und außergewöhnliche Crêpes Colette mit Banane, Vanille und Karamell. Essen auf hohem Niveau kann wegen des Wareneinsatzes nicht billig sein. Hier ist bei höchster Produktqualität aber kundenfreundlich kalkuliert worden. Dieser Bereich ist, ebenso wie Konzept und Detailarbeit der Gerichte, Tim Raues Sache. Für die Tagesarbeit steht ein von ihm geschultes Team in der Küche. Das gilt auch für den Service. Die junge Dame, die mich bediente, war vorher schon im „Soupe Populaire“ und im „Studio“ gewesen, sie macht mit den besten Service, den man in der Stadt erleben kann. Gute Servicequalität schließt eine ordentliche Weinpflege ein. Die Weinkarte auf der Rückseite der Speisekarte spiegelt die Liebe zu Kreszenzen wieder. Neben günstigen Angeboten aus Deutschland und Frankreich stehen auch absolute Tops auf der Karte wie der 89er Cheval Blanc, der Lafite Rothschild oder der 90er Lynch-Bages. Für Freunde des süßen Weins wird im Restaurant ebenfalls Château d’Yquem (Sauternes) offeriert.

An den vorübergehenden heißen Tagen war der Renner der eiskalt servierte Rosé Côtes du Ventoux zum kleinen Preis von 34 Euro. Positiv ist auch anzumerken, dass es ein ordentliches Angebot an halben Flaschen gibt, was vor allem beim Business Lunch gefragt ist.

Fazit: Wer angenehm locker aber hochklassig genießen will, ist im „Colette“ absolut richtig.

Das Restaurant

Der Kontakt: „Brasserie Colette“, Passauer Straße 5-7, Charlottenburg, Tel.: 21 99 2 174, geöffnet Mittwoch bis Sonntag von 12 bis 15 Uhr und von 18 bis 23 Uhr, www.brasseriecolette.de

Die Küche: Eine hochinteressante Brasserieküche, doch von den Produkten deutlich edler als allgemein üblich.

Der Service: Ein erstklassiges Team, das den Gast in den Mittelpunkt stellt.

Das Ambiente: Eine minimalistische Ausstattung, auf den Platten edler Marmortischen wird serviert.

Das Besondere: Die Lage im Haus einer exklusiven Seniorenresidenz.