Gourmetspitzen

Ein Hauch von Paris in Moabit

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Das Team des Restaurants "Paris-Moskau": Küchenchef Martin Konrad (l.) und Inhaber Wolfram Ritschl

Das Team des Restaurants "Paris-Moskau": Küchenchef Martin Konrad (l.) und Inhaber Wolfram Ritschl

Foto: Ricarda Spiegel

Heinz Horrmann hat das Lokal "Paris-Moskau" besucht. Die Devise, mehr Qualität statt Auswahl, hat auch den Kritiker überzeugt.

Die gute Nachricht zuerst. Alle Unkenrufe und das ständige Gerede, das kleine Fachwerkhaus mit dem Restaurant „Paris-Moskau“ passe nicht ins Sicherheitskonzept des neuen, riesigen Innenministeriumkomplexes und müsse darum aufgegeben werden, sind endgültig vom Tisch. Die Sicherheitszäune sind nun rund um das malerische Häuschen platziert. Immer, wenn ich vorbeifahre, fasziniert mich der außergewöhnliche Fachwerkbau, der auch in der Vergangenheit in regelmäßigen Abständen dem angekündigten Abriss entkam.

Mit dem Restaurant bleibt eine interessante Küche in der Metropole. Vieles ist neu im „Paris-Moskau“, der Küchenchef, die Ausrichtung der Speisen und zum Glück auch der Service. Ein junger Mann, der seine Erfahrungen in der Tophotellerie sammelte, macht das brillant.

Zum Namen: Der besagte Zug, der dem Restaurant seinen Namen gab und die beiden Metropolen verbindet, kommt erst kurz nach Mitternacht. Dann donnert der tägliche Express Paris-Moskau über den Alt-Moabiter Bahndamm. Das Puppenstübchen am Rande der Strecke erzittert im Rhythmus. 1898 war das schmucke Häuschen als Schenke im Einzugsbereich des ehemaligen Lehrter Fernbahnhofs gebaut worden. Zwei Jahre vor dem Fall der Mauer bekam das Lokal seinen heutigen Anstrich und den passenden Namen „Paris-Moskau“.

Die Speisekarte ist bewusst klein

Die Inneneinrichtung ist längst nicht mehr so kühl wie dereinst. Gepflegte weiße Tischwäsche, historische Bilder an den Wänden und die kleine Bar am Kopfende prägen das Ambiente. Die Speisekarte ist bewusst klein gehalten. Die Devise, mehr Qualität statt Auswahl, mag der Gast gerne akzeptieren. Vier Vorspeisen, zwei Zwischengerichte oder Suppen und jeweils vier Hauptgänge und Dessertvariationen sowie Käse vom höchst kompetenten Maître Philippe, das ist das Programm. Die Wildfanggarnele, erst confiert und dann gebraten, kombiniert mit Pulpo, Fenchelpüree und mildem Paprika war sehr ordentlich.

Die frische gebratene Entenleber war schlicht sensationell, das war fast die gleiche Qualität wie beim weltbesten Spezialisten Marc Haeberlin in der „L’Auberge de L’ill“ im Elsass. Sie war außen richtig kross und innen wie schmelzende Butter zart. Auch die Entenbrust, medium bis medium rare gelassen, überzeugte mich – wie bei einem vorherigen Besuch das Kotelett und eine geschmorte Praline vom Hohenloher Spanferkel.

Wer beim Genießen bei einigen Gerichten euphorisch jubelt, darf ebenso kritische Anmerkungen machen. Der gebratene Seeteufel mit Bärlauchkruste war derart totgebraten, dass es nur noch eine weiße Masse war, wobei auch der gute Geschmack ausgetrieben wurde. Da wundert man sich immer wieder: Der Fisch ist doch schon tot, warum muss er noch mal totgegart werden.

Doch zu weiteren positiven Elementen: Sowohl der Wildkräutersalat als auch die Kombination mit gratiniertem Ziegenkäse kamen ohne Tadel. Ebenfalls die Desserts wie die Erdbeere, gebacken mit Panacotta, Buttermilchsorbet oder nur die hausgemachten Sorbets waren geschmacklich einwandfrei. Dazu kommen Spezialmenüs, die monatlich wechseln und für Gruppen ab acht Personen serviert werden.

À-la-Carte-Angebot nach saisonalen Produkten

Das À-la-Carte-Angebot wechselt der kreative Küchenchef nach den saisonalen Produkten, die der Markt anbietet. Die Art und Weise, wie leichte Gerichte ohne viel Fett, aber mit Aromen serviert werden, erinnert mich an den französischen Dreisternekoch Michel Guérard, der das vor vier Jahrzehnten zuerst praktizierte. Ein gutes Beispiel dafür war die Kombination von Spargel, einer knackigen Garnele mit Champagnersüppchen und Portweinreduktion.

Die Käseauswahl ist gut und preiswert. Die runde Palette von fünf Sorten wird mit 14,50 Euro berechnet, die kleinere Auswahl (drei Sorten) mit zwölf Euro.

Ein besonderes Kompliment gilt der Weinkarte und -pflege. Neben den ordentlichen, aber nicht zu teuren Lagen aus Deutschland, Österreich und Italien gibt es auch erstklassige Lagen aus Burgund und Bordeaux. Was ich nicht sehr häufig erlebe, ist ein Angebot an Kreszenzen aus Portugal oder Neuseeland. Der Cloudy Bay, ein wundervoller Sauvignon Blanc vom anderen Ende der Welt, ist mit 69 Euro nicht teurer als in der Weinhandlung. Interessant ist die breite Palette an edelsüßen Weinen, die glasweise serviert werden (7 bis 8,50 Euro).

Auch wenn man jetzt im Sommer wunderschön hinter dem Haus auf der Terrasse unter freiem Himmel tafelt, noch mal eine Information zum Ambiente: Hier wird spürbar, dass auch sachliche Funktionalität gemütlich, ja anheimelnd sein kann.

Dass der Service ganz ausgezeichnet ist, habe ich kurz angerissen. Der junge Mann war nie aufdringlich, aber immer zur Stelle zum Nachschenken oder wenn man sonst etwas brauchte. Wären wir von der Kollegin mit dem unglücklichen Gesichtsausdruck, ohne jedes Lächeln, bedient worden, hätte ich anders geurteilt. Aber so wurde aufmerksam ohne Aufhebens die heruntergefallene Serviette gewechselt.

Kurz und gut: Ein empfehlenswertes Restaurant, dort, wo man es kaum erwartet: in Moabit.

"Paris - Moskau"

Kontakt: "Paris-Moskau“, Mo.–Fr. 12–15 Uhr, täglich ab 18 Uhr, Alt-Moabit 141, Moabit, Tel.: 39 42 081, www.paris-moskau.de

Küche: Eine saisonale, angenehm leichte Küche und wenn möglich, mit regionalen Produkten.

Service: Wir hatten Glück, vom besten Kellner, der jemals im Paris-Moskau beschäftigt war, bedient zu werden.

Besonderheit: Lunch bis zum frühen Nachmittag. Daraus kann ein Kantinengeschäft für das Innenministerium werden.