Gourmetspitzen

Restaurant „E.T.A. Hoffmann“ ist höchst sterneverdächtig

Restaurantkritiker Heinz Horrmann besuchte Thomas Kurts Kreuzberger Restaurant „E.T.A. Hoffmann“ und ist voller Lobes. Das Motto des Hauses: „Niemals Chichi, lieber bürgerlich im besten Sinne.“

Foto: Amin Akhtar

Zehn Jahre lang ein Restaurant an der Spitze zu halten, das ist wahrlich ein Jubiläum wert. Ein kleines zwar, aber für Thomas Kurt ein bedeutender Grund zum Feiern, und so zauberte er ein Geburtstagsmenü im flotten Wechselspiel von rustikal bis filigran, von einfach bis Spitzenklasse. Auch wenn das eigentliche Fest schon etwas zurückliegt, durfte ich dennoch ein paar Elemente daraus genießen, sie bleiben nämlich auf der Spezialkarte, die Kurt nach wie vor seinen Gästen offeriert.

Dabei ist Kürbis-Hummer-Eintopf mit Curry, Pulpo und Hummerknödel ein kulinarisches Highlight, das war geradezu eine Aroma-Explosion am Gaumen und dabei total harmonisch abgeschmeckt. Alles war in der Balance und perfekt. Der Duft, die Optik, die Konsistenz, einfach köstlich.

Frisch-fröhliches Team

Wie schön, wenn die Erwartungen des Gastes nicht nur erfüllt, sondern noch übertroffen werden. Mir passiert das nicht allzu häufig, weil eine klare Einordnung der Küche den realistischen Rahmen setzt, aber im E.T.A. Hoffmann hatte auch ich ein derartig seltenes positives Erlebnis: eine für mich (zumindest bei meinem Besuch) echte Sterneküche, ungerechterweise noch ohne Michelin-Stern, dazu ein Service vom Feinsten und eine erstklassige Weinpflege. Alles von einem jungen frisch-fröhlichen Team zelebriert.

Im Menü folgt nach Hummereintopf und einem Duett von Blutwurst und Rauch-Aal der Hauptgang, vom Kalbsfilet dominiert. Kalbsfilet bekommen wir Gäste zumeist gegrillt, oft aus der Pfanne und manchmal aufgeschnitten und gefüllt. Pochiert wie hier im E.T.A. Hoffmann bekommt man es eigentlich nie. Klingt langweilig? Ist es nicht, weil es kombiniert ist mit feinstem Ragout fin, von Trüffeln aromatisiert und von sogenannten Trüffel-Schlutzkrapfen und Pak Choi (herzhaftem Chinakohl) begleitet.

Die übrige Speisekarte ist klein aber facettenreich gehalten. Die Entenleberterrine ist bei Kurt mit Süßem statt mit Säure kombiniert. Gewürzschokolade, Feigen-Chutney und Brioche ergänzen die hausgemachte, fein abgestimmte Terrine. Als Vorspeise ist das Gericht „Rund um die Ente“ durchaus gelungen, für den, der das mag. Da gibt es nämlich die Entenbrust geräuchert, confiertes Herz, Entenblutwurst und Papaya. Mein Geschmack ist das nicht unbedingt.

Preisgestaltung durchaus moderat

Alles ist ein wenig anders als üblich, die Jakobsmuscheln kommen mit Blumenkohl, Birne und einem hauchzarten Estragon-Schaum auf den Tisch, die Meeräsche ist mit steirischem Kürbis und das Karree vom Landschwein, rustikal mit Speck-Steckrüben, Röstzwiebeln und Kartoffelpüree ist mit Liebstöckel aromatisiert. Der Brandenburger Dammwildrücken kommt kurzgebraten und ist eine ideale Ergänzung zur geschmorten Schulter. Auch hier ist die Balance wieder süßsauer, durch Maronenpüree und Balsamico-Kirschen.

Alle Gerichte sind charakteristisch für die Art und die Richtung wie hier das Küchen-Konzept ist: klassisch, aber modern interpretiert. Oft hinken die Hauptgänge hinter den kreativen Vorspeisen her, auch in guten Restaurants. Bei Thomas Kurt, Koch und Restaurateur in einer Person, gibt es gegenläufig zum Trend noch mal eine Steigerung.

Und nun zum süßen Abschluss: Cassis-Blaubeeren und Mango-Sorbet heben die Creme brûlée vom Standard ab. Die fluffigen Ofenschlupfer von der Quitte mit Sternanis und Quittengewürzsorbet sind ideal für Leckermäulchen, für den Gast der es herzhafter mag, ist das Käsebrett mit Zwetschgensenf und Früchtebrot eine sehr schmackhafte Möglichkeit.

Die Preisgestaltung ist dabei durchaus moderat. Drei Gänge, bei freier Auswahl aus der Karte, stehen mit 45 Euro, fünf Gänge mit 65 Euro auf der Rechnung.

Liebhaber, für die Wein mehr als nur ein Getränk ist, finden hier eine Weinkarte mit 150 Positionen, ein wahres Lustobjekt also. Das E.T.A. Hoffmann im Hotel Riemers Hofgarten offeriert die komplette Palette großer Montrachets und anderer weißer Burgunder und ebenso die vorzüglichen Cabernet Sauvignons und Merlots aus Bordeaux und weiteren Anbaugebieten in aller Welt.

Aroma-Wucht

Ich ließ mich zu einem deutschen Chardonnay, den „Turm“ Jahrgang 2009 vom Bingener Weingut Riffel animieren, der dann ein Erlebnis war, mit einer Aroma-Wucht wie ein ganz großer Burgunder. Zu intensiven Wildgerichten wie dem vorzüglichen Hirschbraten ist allerdings ein Bordeaux mit mehr Volumen empfehlenswert. Im E.T.A. Hoffmann sind auch diese Kreszenzen durchaus kundenfreundlich kalkuliert.

Natürlich gibt es für eine besonders sympathische Art des Chefkochs oder des Restaurateurs keine Bonuspunkte in der Gesamtwertung, wohl aber dafür, wenn er wie hier für eine liebenswerte und angenehme Atmosphäre sorgt.

Typisch ist das Motto des Hauses: „Niemals Chichi, lieber bürgerlich im besten Sinne.“ Exakt so erlebte ich Restaurant und Küche.

Einen letzten kleinen Vorteil nennt Kurt mit Hinweis auf die Speisekarte: Kein Gast benötigt ein Fremdwörterbuch, um die Gerichte lesen zu können. Und das ist inzwischen ein großer Unterschied zu etlichen anderen Karten.

E.T.A. Hoffmann, Yorkstraße 83, Berlin-Kreuzberg, Tel. (030) 78098809, restaurant-e-t-a-hoffmann.de, tägl. ab 17 Uhr, Di. Ruhetag, alle gängigen Kreditkarten