Gourmetspitzen

Sonntagsbraten für die Familie

Jahrelang war für mich die Gastronomie im Prenzlauer Berg eine reine Szenelandschaft, Essen - Nebensache. Jetzt hält auch die gastronomische Qualität mit dem Atmosphärischen Schritt. Restaurants wie "Filetstück", "Die Fleischerei", beide in der Schönhauser Allee, sind Beispiele dieser positiven Entwicklung.

Die Nummer eins der Restaurants, das Paradestück, das den Höhenflug am besten verkörpert, ist das Restaurant "Zander" in der Kollwitzstraße. Vor Jahren habe ich die Küche als einfallslos und die Gerichte wegen der großen Geschmacksneutralität kritisiert, bei meinem aktuellen Besuch war ich begeistert. Einzig und allein der Umstand, dass es nur deutsche Weine mit ein paar österreichischen Ergänzungen auf der Karte gibt, bleibt mir unverständlich. Ausschließlich-Genießer von leichten Italienern oder edlen Burgunder-Lagen, auch überzeugte Bordeaux-Jünger werden auch bei guter Küchenleistung kaum ganz glücklich.

Die Karte ist ganz bewusst klein gehalten, was gewöhnungsbedürftig, aber nicht zwingend ein Nachteil sein muss. Zwei Vorspeisen, eine Suppe, ein Zwischengang, nur drei Hauptgerichte und die Andeutung von Desserts, das ist alles. Der Vorteil: Die Küche kann sich voll darauf konzentrieren.

Das gebeizte Rückenstück vom Melchhof-Zicklein wird mit Miesmuscheln im Kartoffelschaum kombiniert und erreicht eine überraschende Harmonie. Drei Tage lang ist der Ochsenschwanz bei Niedrigtemperatur geschmort und gezogen und bekommt beim Servieren eine Gänseleberpraline mit kandierten Maronen zur Seite. Und warum nicht mal einen Zander im "Zander" essen? Gerade bei diesem Fisch, der dem Restaurant den Namen lieh, hat sich die Küche enorm verbessert. Damals fehlte völlig das Aroma, heute ist das Filet auf der Haut kross gebraten, die herzhafte Blutwurst im Kartoffelmantel mit Weißweinschaum abgeschmeckt. Es ist übrigens der einzige Fischgang. Sehr gut geschmeckt hat mir der Märkische Weideochse. Das Filet mit den eher leisen Aromatönen bekommt zusätzlich durch Iberico-Schinken eine herzhafte Ergänzung. Deftig auch die Beilagen mit Semmelstoppelpilzen und schwarzer Rollgerste. Sehr häufig wird ein einfacher Salat mit Kräutern als Visitenkarte des Restaurants bezeichnet. Diese hier war dann besonders attraktiv und ohne Eselsohren. Das Dressing schmeckt herzhaft und endlich einmal ohne Süßelemente wie es heutzutage häufig der Fall ist.

Bei den Desserts gibt es nur Hopp oder Top. Der Gast muss sich entscheiden zwischen dem Duett vom Orangentörtchen und Mandeleis und der Creme brûlée mit flüssigen Rumtopffrüchten. Vor Jahren war der süße Abschluss ein Gedenkfestival an DDR-Zeiten der Sättigungsbeilagen: Kalter Hund beispielsweise, geschichtete Kekse mit Schokolade oder Espuma von Früchten zur Schokoladentorte angerichtet. Espuma sind die ziemlich geschmacksneutralen schaumigen Cremezapfen. Das ist jetzt Vergangenheit, endgültig. Wer heute bei den sehr leicht zubereiteten Speisen - Nouvelle Cuisine auf deutsch - noch hungrig ist, dem empfehle ich die Käseplatte vom Maître Philippe, der die verschiedenen Rohmilchkäse-Sorten mit selbst gebackenem Früchtebrot verbindet.

Die Preiskalkulation in dem kleinen Restaurant mit der Straßenterrasse, wenn es wieder ins Frühjahr geht, ist nicht niedrig, aber doch weitgehend kundenfreundlich.

Die Karte wird nach den Gegebenheiten des Marktes gewechselt, so ist mal eine Lausitzer Bauerntäubchen, Brust und Keule mit geschmolzenen Blumenkohl und Schupfnudeln und ein andermal ein Schwarzfederhuhn, im Vakuum gegart, mit Röstgemüse und Portweinjus im Angebot. Was ich persönlich sehr gut finde, ist der große Sonntagsbraten für die ganze Familie. Da gibt es frisch aus dem Rohr beispielsweise einen Uckermärker Feldhasen mit Suppe und Dessert für 20 Euro, an anderen Sonntagen auch mal eine Landente, eine marinierte Hammelkeule oder den Braten vom Weideochsen.

Der Service war angenehm und äußerst kompetent. Allerdings blieb die Arbeit am Gast auch recht übersichtlich. Bei unserem Besuch waren nur ganze drei Tische besetzt. Schade eigentlich, denn dieses Restaurant ist durchaus empfehlenswert.

Beim anschließenden Verdauungsspaziergang erlebt man dann, wie farbig, lebhaft und nimmermüde das Treiben auf den Straßen dieses Stadtteils ist, der sich immer noch wachsender Beliebtheit erfreut.

Restaurant Zander, Kollwitzstraße 50, Telefon: 44 05 76 78 Dienstag bis Sonntag ab 18 Uhr geöffnet www.zander-restaurant.de