Gourmetspitzen

Rinderfilet im Postfuhramt

Die Gäste-Abwehr arbeitet mit wechselndem Erfolg. Das Team im widersprüchlichsten Restaurant der Hauptstadt bemüht sich seit fünf Jahren nach Kräften, sich von Gästen abzuschotten. Ein lustiges Versteckspielen am Abend?

Schön und gut, aber wie ärgerlich, wenn Gäste dann tatsächlich doch die Schnitzeljagd gewonnen haben.

Wie wir. Obwohl in der Auguststraße 5 die Tore verschlossen sind und nicht der geringste Hinweis auf ein Restaurant namens "Rodeo-Club" zu finden ist, kamen wir schließlich doch ans Ziel. Eine kleine Seitentür führt in den sehr geräumigen Innenhof, der wohl von der Schuhmacher-Innung gesponsert wird. Ein steiniges Holperfeld und ein garantiertes Grab für alle High-Heels-Absätze.

Abschreckend wirkt zudem der Hinweis der Hausverwaltung, dass das Betreten für Fremde unter Strafandrohung verboten ist. Wie einladend. Das Restaurant sei im ersten Stock des Hinterhauses, hatte man mir mit Verschwörermiene verraten. Und so kletterten wir die Holzstiegen hoch, vorbei an Matratzenlagern und zellenartigen Verschlägen. Beklemmung machte sich breit. Irgendwie erreichten wir einen dunklen Flur mit der Reservierungskontrolle.

Szenenwechsel. Da stehen wir nun in diesem Restaurant mit einem Ambiente, das einem den Atem raubt. Die traumhaft schöne, kathedralenhohe Kassettenkuppel des ehemaligen Postfuhramtes. Ein gigantischer Anblick. Dazu das triste Gegenteil: abgewetzte Bänke und knochenharte Holzstühle. Widersprüchlich geht's weiter: Konservatives Publikum, zumeist Wiederholungstäter, die den Weg kennen, und keine alternative Hausbesetzerszene. Dann die positive Wendung. Der Service ist geradezu liebenswert, aufmerksam und gekonnt. Hier funktioniert, was ich häufig kritisiere. Der Chablis Premier Cru kommt wunderbar gekühlt an den Tisch und wird sofort wieder in Eis gepackt.

Das Auf und Ab der Gefühle pflegt dann auch die Küche. Völlig anders als in vielen Restaurants, wo die Hauptgänge nie die Qualität der Vorspeisen erreichen, sind hier die ersten Gänge dünn, die Hauptgerichte aber absolute Klasse. Bei der pochierten Fine-de-Claire-Auster im Gurkengelee war die Auster wohl desertiert, hatte nicht mal den Hauch von Geschmack hinterlassen. Als Aromaträger blieben allein die marinierten Sardinen auf Erbspüree. Beim knackig frischen Salat mit eingewecktem Kürbis erreichte das Dressing die Höchstnote für Geschmacksneutralität. Durchaus akzeptabel dagegen war die Miniportion der gebratenen Jakobsmuschel, in Verbindung mit confiertem Wammerl vom Saalower Kräuterschwein an Steckrüben und Weißkrautrohkost.

Vielen mag das Schwein zu fett sein, für mich ist das reiner Aromaträger. Die Hauptgänge in dieser prächtigen Schalterhalle aus Kaisers Zeiten dirigierte Küchenchef Tilo Roth knapp unter dem Sternebereich. Der Brandenburger Hirschkalbsrücken war im Schnitt zart wie irische Landbutter und wurde vorzüglich flankiert von geschmortem Spitzkohl, Nusskartoffelnnudeln und parfümiert mit intensiver Quittenmarmelade und Schattenmorellenjus. Gleichermaßen handwerklich exzellent zubereitet das Rinderfilet vom Grill, aber durch Nachgaren mit wenig Röstaromen. Dazu gab es Speckbohnen und Schalottenjus und ein Kartoffelgratin, das auf der Karte als "getrüffelt" bezeichnet wird, wobei leider dieses unsägliche synthetische Trüffelöl verwandt wurde. Das insgesamt prima Gericht steht dann allerdings auch mit deftigen 28,50 Euro auf der Rechnung. Nudel-Fans kommen deutlich günstiger weg. Auch der Steinpilzkartoffelstrudel auf Rahmwirsing und Maronen ist mit 15 Euro fair ausgepreist.

Die Abteilung Dessert erweist sich auf der an sich schon kleinen Karte auch nur als Winzigkeit zum Abschluss. Karamellisierte Limonentarte und eine Variation vom Bratapfel, dazu eine so genannte Nougatlasagne an glasierten Mandarinen. Letzteres Dessert schmeckt ordentlich, obwohl sich mir der (geschichtete) Lasagne-Charakter nicht unbedingt erschloss. Insgesamt würde ich die Küche als moderne deutsche bezeichnen, hier und da mit mediterranem Einschlag.

Überraschenderweise war der große Kuppelraum zum Schluss von etlichen "Ortskundigen" gut gefüllt, und die Bedienung leistete, bedingt durch längere Servicewege, Schwerstarbeit. Dennoch verflog das freundliche Lächeln nicht. Was mir klammheimlich, geradezu mit Verschwörermiene zugeraunt wurde, war das Besondere des versteckten Lokals: An den Wochenenden werden gegen 23 Uhr Einzeltische und lange Tafeln an die Wände mit den wunderschönen Rundbögen geschoben, und das Speiserestaurant verwandelt sich in einen Tanzclub. Gewiss eine Empfehlung, für den, der es mag.

Rodeo GmbH, Auguststraße 5a, Mitte. Telefon: 0163/162 01 68, Dienstag bis Samstag ab 20 Uhr. www.rodeo-berlin.de , alle gängigen Kreditkarten.

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