Gourmetspitzen

Karotten im Luftschutzkeller

Das finale Wegstück zum Restaurant ist ein ganz fieser Totalangriff auf die Sinne. Beißender Gestank, eben wie Abfallhalden riechen, widerliche Mülltonnen und Container rechts und links in langen Reihen im Blickfeld, Beleidigung für die Augen. Dazu ein finsterer Hinterhof, wie in Krimi-Szenen, bevor es Leichen gibt.

Dann steh ich endlich vor dem winzigen Namensschild an der Hauswand zwischen Westin Hotel und Komischer Oper: "Cookies Cream". Das Restaurant befindet sich im Obergeschoss, der Nachtklub mit Bar unten. Düster sind die Flure und Treppen, Notbeleuchtung, Luftschutzbunker-Atmosphäre. Das Restaurant mit unverputzten Wänden, an den Decken Isolierplatten neben umwickelten Rohren, auf einem Tisch eine einsame Vase mit roten Blumen. Insgesamt sieht es vergleichbar grausam aus wie in Tim Mälzers Bullerei im Hamburger Schanzenviertel. Für Gäste, die schönes Ambiente genießen wollen und damit ihre Seele streicheln lassen, ist dieses Restaurant alles andere als eine Empfehlung. Um allerdings der Wahrheit die Ehre zu geben: Es wird nicht wie bei Mälzer auf blanken Holztischen serviert, hier mildern Tischdecken und Stoffservietten den allzu coolen Eindruck.

Dann aber folgt der nächste Tiefschlag, die Speisekarte: Anders als im früheren Cookies in der Charlottenstraße gibt es hier jetzt ausschließlich vegetarische Nahrung, nicht mal mehr ein ganz kleines Steak oder ein kross gebratenes Stückchen Fisch. Sei's drum, also ran an die Pampen-Knödel. Es mag zwar Gäste geben, die überzeugt sind, Gemüse sei ihr Fleisch. Ich sehe das sehr subjektiv, wenn ich befinde, dass derartige Küchen in die Öko-Ecke gehören. Das Beste war noch der Einstieg, ein frischer knackiger Salat mit einem harmonisch abgeschmeckten Wallnussdressing und gebratenen Kräuterseitlingen. Mit dem nächsten Gang begann dann das Festival der Geschmacksneutralität. Das gilt sowohl für die Selleriecreme mit weißem Portwein als auch für die folgenden Gerichte. So ein gefülltes Brioche mit Wachtel-Ei, ein Kartoffelschaum mit Portweinschalotten und Feldsalat. Klingt alles richtig gut, schmeckt aber leider nicht so wie klangvoll auf der Menü-Karte beschrieben. Es folgten Pinienkern-Kartoffelroulade mit Rote-Bete-Carpaccio, sehr gesund, gut für die Blutbildung. Aber wie gut hätte dazu eine gelackte Entenbrust gepasst... Am besten schmeckte mir bei diesem Gang noch der Meerrettichschaum. Insgesamt stelle ich mir geschmacklich so die milde Anschlusskost aus dem Hipp-Glas für Kleinkinder vor. Meine Begleiterin probierte die Parmesanknödel mit Korianderkarotten in Amalfi-Zitronensud. In stiller Höflichkeit beendete sie schnell den Gang. Ein zartes Hoffnungspflänzchen wuchs bei der Lektüre der Speisekarte, als ich den Begriff "Gegrilltes" fand, aber es war nur Gegrilltes vom Kürbis, begleitet von Schnittlauch-Gnocchis. Den letzten Joker setzten wir optimistisch aufs Dessert: Apfel-Calvados Tarte mit marinierten Pflaumen, das hört sich doch wahrlich großartig an, doch leider gab es keinen feinen Tarte-Boden, sondern eine für mich undefinierbare Pampe. Beim Teelöffel Waldmeister-Sauerrahm-Eis hatte es die Küche tatsächlich verstanden, den Waldmeistergeschmack wegzuzaubern. Ein wenig Weihnachtsstimmung brachten die eingelegten Winterfrüchte zum Haselnussparfait mit Hagebuttensabayone auf den Tisch und mithin auch Festtagsmilde bei der Beurteilung.

Gut ist, dass die Karte klein gehalten wird: vier Vorspeisen, vier Hauptgänge, drei Mal Dessert. Drei Gänge kosten 32 Euro, das erleichtert die Arbeit der Küche, aber auch die Auswahl für die Gäste. Der Service ist zwar hemdsärmelig cool, aber bei der Gästebetreuung und im Ablauf ausgesprochen angenehm und gut. Auch die Weinpflege ist gekonnt. Aufmerksam wird nachgeschenkt, wann immer es nötig ist. Nichts zu kritisieren an der Leistung des jungen Kellners. Es ist doch wirklich schön, auch in diesem Restaurant aus Überzeugung etwas positiv registrieren zu können. Die Weinkarte verzichtet auf große Gewächse und ist im Übrigen angemessen kalkuliert. Die Ausnahme machen die beiden Bordeaux, die erklimmen den Preisgipfel. Für ein kleines bürgerliches Gewächs (Les Ormes) stehen 75 Euro auf der Rechnung.

Mein Fazit: Anhänger vegetarischer Gerichte bezeichnen Cookies Cream als das beste Restaurant seiner Art. Das mag so stimmen, aber ich frage mich: Wie müssen dann die anderen fleischlosen und aromafreien Zonen sein...

Amüsant fand ich das Publikum, eine amerikanische Künstlergruppe, zum Teil in knallbunten Kostümen, laut palavernd an langer Tafel. Die Gäste wirkten wie Komparsen im Filmteam von "Ein Käfig voller Narren".

Restaurant Cookies Cream , Behrenstraße 55/56 (oberhalb des Nachtklubs), Telefon: 27 49 28 40, Dienstag bis Samstag ab 19 Uhr. Alle gängigen Kreditkarten. www.cookiescream.de