Gourmetspitzen

Lieber nur Kaffee und Kuchen

Meine ganz persönliche Rangliste der schlechtesten Essen in der Hauptstadt muss neu geschrieben, zumindest aber erweitert werden. Ich habe einen Ausflug zurück in die Vergangenheit der "Sättigungsbeilagen-DDR" gemacht, mit großen Mengen vorgekochter Mehl-Kartoffeln aus Dose oder Glas und Fleisch in Minimalportionen.

Ich habe mich mit einem Besuch des Fernsehturm-Restaurants bestraft, für meine Neugierde. Dass ich aber derart leiden musste und dabei auch noch gefroren habe wie ein Schneider, das war nun wirklich nicht zu erwarten.

Alles schön der Reihe nach: Eine deftige Leserkritik am Essen auf dem TV-Turm liegt schon einige Zeit zurück. Optimistisch wie ich bin, hoffte ich, dass die als damals so schlecht beschriebene Küche ihre ambitionslose Phase voller Beleidigungen für den Gaumen bei unserem Besuch überwunden haben könnte. Nach mehreren vergeblichen Anläufen bekamen wir schließlich eine Startzeit für den Lift nach oben. Dafür muss jeder Gast extra bezahlen, ohne dass der Preis von 10 Euro (für VIP-Arrangements 20 Euro) auf Speisen und Getränke angerechnet wird. Das Verrückteste aber war, dass man wie in den Zeiten des real existierenden Sozialismus seine vorbestellte Speisezeit nur zur angegebenen Minute abrufen darf. Ich wollte eine halbe Stunde früher hochfahren, das wurde barsch abgelehnt. Eine totale Auslastung auf 207 Meter Höhe wäre eine Erklärung gewesen, doch dann war das Restaurant auf dem Fernsehturm am Alexanderplatz halb leer, Betrieb gab es nur auf der Aussichtsplattform. Wahrscheinlich weil die Speisen so lange im Voraus vorgefertigt sind, sorgte man im Restaurant für entsprechende Kühlhaustemperaturen. Auf meine Bitte, ein wenig die Heizung anzudrehen, wurde mir beschieden, dass das nun gar nicht ginge. Die Hauptattraktion dieser Gastronomie besteht in ihrer Höhenlage. Das im höchsten Stockwerk Berlins installierte Restaurant dreht sich um 360 Grad und erlaubt den Blick auf die unterschiedlichen Stadtteile der Metropole. Die Speisekarte liest sich nicht wie die Lieblingslektüre für Genießer, aber mit Gerichten wie Poulardenbrust nach Kiewer Art mit Kräutern und Frischkäse gefüllt oder Strudel von Lachsforelle und Zander, auch nicht unappetitlich.

Doch in der Ausführung überbietet sich die Küche von Gang zu Gang mit Unfähigkeit. Dieses Restaurant ist ideal für junge Köche, um ihnen zu zeigen, was man alles falsch machen kann. In der Jubiläumszeit "40 Jahre Berliner Fernsehturm" probierte ich als erstes den Krebscocktail. Hier war zwar die Sauce völlig geschmacksneutral, aber das wenige Krebsfleisch noch in Ordnung. Dafür hätte ich nach Kocharena-Wertung immerhin 2 von 10 Punkten gegeben. Das gebratene Zanderfilet mit, wie es auf der Karte heißt, buntem Gemüse in Senfsauce, war ein Stückchen Fischlein, das von Konsistenz und Geschmack nichts, aber auch gar nichts mit einem auf der Haut kross gebratenen Zander gemein hatte. Entweder war es eine vorgefertigte aufgewärmte Portion oder der Fisch so lange gegart, dass das ansonsten saftige Fleisch zu einer grauen mehligen Pampe verkommen war. Gleiches galt für das Heilbuttfilet und Wurzelgemüse in der Folie gegart mit Butterreis. Die Senfsauce war von Bittertönen geprägt. Der "kulinarische Höhepunkt" freilich war der "Grillteller mit Ofenkartoffel und Schnittlauch-Schmand". Ein Mini-Schweinefilet, eine Andeutung von Rumpsteak, Hähnchenbrustfilet und ein zu einem Blümchen aufgeschnittenes Grillwürstchen. Alles zäh, zur Unkenntlichkeit verstümmelt und ohne Aroma. Aus dem Kochbuch der DDR-Spezialitäten blieben der Toast "Hawaii" (mit Dosen-Ananas) und das so genannte Würzfleisch in der Blätterteigpastete erhalten. Sie sehen, ein wirklich aktuelles Küchenprogramm des Jahres 2009.

Damals wie heute sind die Süßspeisen nur süß. Statt Zitronencreme mit frischen Himbeeren gab es ein Törtchen und der "Kaffee-Eisbecher" hatte nicht die Spur von Kaffeearoma oder weißem Kaffee-Eis. Wie die Küchenleistung, so die Weinpflege. Das Glas Champagner (Pommery) wurde bereits eingeschenkt an den Tisch gebracht mit guter Temperatur - für Rotwein allerdings, wärmer als die Temperatur im Dreh-Restaurant. Und um beim Rotwein zu bleiben: In Ermangelung von Bordeaux und Burgunder bat ich darum, den Italiener Ripasso Valpolicella zu dekantieren. Die so fröhlich-freundliche junge Kellnerin hatte von der Möglichkeit noch nie gehört, und Dekanter standen auch nicht zur Verfügung. Insgesamt machte sie noch einen ganz ordentlichen Service, und manchmal schien sie sich auch ein bisschen zu schämen, wenn sie die nur zaghaft probierten Speisen wieder abräumte. Fazit: Wenn ein Restaurant in jener Zeit verharren möchte, als keine Gastronomiekritiken erlaubt waren, dann kann man Besuchern nur raten, ausschließlich Kaffee und Kuchen zu ordern.

Restaurant im TV-Turm Alexanderplatz, Panoramastraße 1 A, Telefon: 24 75 75 875, Öffnungszeiten täglich von 9 bis 24 Uhr

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