Gourmetspitzen

Viele Enttäuschungen im Restaurant von Tim Raue

Tim Raue ist gewiss ein guter Koch, das wiederhole ich seit Jahren. Aber ebenso richtig ist, dass er noch meilenweit vom Olymp der Großen, der tatsächlichen Elite mit zwei und drei Sternen entfernt ist.

Exakt das wurde mir bei meinem ersten Besuch in seinem nagelneuen Restaurant in Kreuzberg sehr deutlich. Ich hätte mich in der Startphase eigentlich zurückgehalten, damit sich Küche und Service noch einspielen können. Raue hatte aber von sich aus die Tester der großen Gastro-Führer frühzeitig eingeladen, um Stern und Hauben zu verteidigen. Da konnte ich nicht warten.

Der Kreuzberger Koch hatte in letzter Zeit eine eher unglückliche Phase: Ärger mit der Anlieferung der Kücheneinrichtung, dazu wenig appetitliche Aussagen bei Interviews und ein neues TV-Format, dessen Einschaltquote Luft nach oben hat.

Dies kann der gute Tim wohl auch nur zum Teil selbst beeinflussen. Wohl aber kann er etwas dafür, dass ich bei ihm das schlechteste Enten-Gericht in 30 Testjahren auf den Tisch bekam. Bei diesem missratenen Gang lag der erste Fehler beim Service. Nachdrücklich bestellt hatten die Kollegin und ich die Peking-Ente, serviert wurden aber das Beinchen und ein winziges zusätzliches Fleischstück aus dem Lunch-Menü. Das Entenbein hatte eine mehrere Millimeter dicke, fiese gelbe Fettschicht unter der Haut, die ich, so wenig ausgebraten und ohne krosse Haut, wirklich keinem meiner Gäste anbieten würde.

Es störte aber nicht nur das Fett, das Fleisch war auch zäh wie Leder. Da verstand ich, warum dolchartige Steakmesser dazu eingedeckt wurden. Zweiter Tiefschlag: Die Klingen der Messer waren schmutzig verkrustet. Auch meine Begleiterin mühte sich vergeblich, sie mit der Serviette zu säubern.

Gastro-Tests sind stets Momentaufnahmen, wie sie auch der Gast erlebt. Ich hoffe schon beim nächsten Restaurant-Besuch wieder auf mehr Genuss. Dieses Mal war es ein einfach ein Flop, den ich aber nicht überbewerten will.

Kommen wir zurück zum Service. Er schaffte es, nahezu mit jedem Gang ein verkehrtes Gericht zu servieren. Statt Hummer kamen Jakobsmuscheln, und so weiter. Und die Serviceleiterin selbst räumte eingangs die Amuse-Bouche-Teller ab, aber uns als Gäste einmal zu begrüßen, auf diese Idee kam die Dame leider nicht.

Bleiben wir nun ganz sachlich bei der Küchenleistung. Hummer mit Tomate, Sternanis und Estragon war ein köstlich gewürztes Gericht. Was die Karte nicht aussagte, der Hummer kam total roh nach Sashimi-Art. Wäre er ein wenig angebraten und nur innen glasig belassen, hätte uns das gewiss besser geschmeckt. Das gilt übrigens auch für die Jakobsmuscheln, die ich in solch völlig rohen (marinierten) Scheiben nur in "Schwarz-Weiß-Verbindung" mag, so wie der französische Superkoch Pierre Gagnaire sie in Wechselreihe mit Perigord-Trüffel anrichtet. In der Form, wie wir sie hier bei Tim Raue probierten, war es leider nur eine grob durchschnittliche Angelegenheit.

Es gab aber auch Grund zum Jubeln: Völlig kritikfrei und geschmacklich einfach große Klasse waren die Meeresfische mit einer Sake Beurre Blanc, drei Spargelspitzen und ein wenig Wasabi. Alles auf den Punkt gegart, und die Beurre Blanc (klassische Buttersauce) war vom Sake-Geschmack nicht überlagert, sondern behutsam parfümiert und verfeinert. Sehr gut.

Vor Jahren habe ich Tim Raue einmal den besten Zubereiter von Enten- und Gänseleber in Berlin genannt. Seine Entenlebercreme mit Rote-Beete-Salat, die diesmal serviert wurde, war aber leider mit zuviel Säure verbunden.

Was stimmt, ist die Preiskalkulation. Mittags kosten zwei Gänge 24 Euro und drei 38. Das große Abendmenü (sechs Gänge) ist mit 148 Euro taxiert. Der Wein-Service ist schon in der Anfangsphase des Restaurants beachtlich, interessant dabei, die kleinen Lagen sind sehr kundenfreundlich, die großen dagegen gar nicht bange berechnet.

Wie ist das Restaurant gestaltet? Sehr minimalistisch. Die Tische sind eher zu klein. Mir fehlt Blumenschmuck und Ambiente mit Wärme. Ich räume aber ein, dass Stil-Experten das Interieur durchaus gelobt haben. Was mich abstößt, ist das große Bild an der Wand mit einer Müllhalde und schwarzen Abfallsäcken - aber auch das ist wohl Geschmackssache. Insgesamt war das ein durchaus unglücklicher Besuch. Kann ja mal passieren. Viel Glück für die Zukunft wünsche ich Tim Raue in jedem Fall.

Restaurant Tim Raue Rudi-Dutschke-Straße 26, Kreuzberg, Tel. 25 93 79 30, Dienstag bis Sonnabend 12-14 Uhr und 19-22 Uhr, im Internet: www.tim-raue.com

Heinz Horrmann schreibt jeden Sonnabend für die Berliner Morgenpost