Gourmetspitzen

Bei den alten Griechen

Ein Restaurant kann wie ein später Ferientag im Altweibersommer sein. Die Sehnsucht nach Mittelmeer, nach mediterranem Genuss und beschwingter Stimmung, das waren die Bausteine für den unglaublichen Erfolg der italienischen Restaurants in unserem Land.

In Berlin haben sich als Nummer zwei der südlichen Speiselokale eindeutig die griechischen Küchen positioniert und deutlich vor den Franzosen oder Spaniern etabliert. Sie heißen "Mythos", "Nemesis", "Ta Panta Ri", "Cassambalis" oder "Ach Niko Ach", das ich ausgewählt habe. Es bedarf keiner aufgesetzten Einstimmung auf die griechische Atmosphäre. In diesem Lokal, das mit der grün eingewachsenen Terrasse und den überall wiederkehrenden Farben weiß und blau wie eine griechische Insel mitten auf dem Kurfürstendamm ausschaut. Und so agieren auch die Kellner, die ihre Scherzchen machen, auf die Tische klopfen, eben so, wie es die Feriengäste in den Hellas-Tourismuszentren so persönlich empfinden.

Ich mag nicht beurteilen, ob "Ach Niko Ach" der beste Grieche der Stadt ist, allein im Bereich Kurfürstendamm - Leibnizstraße haben sich nahezu ein Dutzend Spezialitätenrestaurants mit griechischer Küche angesiedelt. In dem Lokal, das ich besucht habe, wie auch in den anderen gilt, dass man sich Zeit lässt, sehr viel Zeit. Etwas gewöhnungsbedürftig für Mitteleuropäer mutet an, dass die Griechen ihre Speisen meist nur lauwarm servieren. Zum Einstimmen auf die besondere Situation spendiert der Kellner ein Gläschen Ouzo, eine klare Spirituose mit ausgeprägtem Anis-Aroma. Bei der Bestellung sorgte ich für Verwunderung. Ich wollte von allem ein wenig probieren, doch der freundliche Servicemann korrigierte mich: "Nein, nein, das ist viel zu viel. Jeder einzelne Gang ist so groß, dass er Ihnen reicht." Eigentlich eine Umsatzbremse, gewiss, aber liebenswürdigerweise erkennbar mit Blick auf das Gästewohl. Und in der Tat, die Salate waren Riesenportionen. Mein Choriatiki, der griechische Bauernsalat mit Weißkohl, Oliven, Zwiebeln, Kopfsalatblättern, Tomaten und viel Feta (für 6,50 Euro) war genug für drei und keine Hausfrau kann die Zutaten zu diesem Preis zusammenkaufen. Nicht anders sah es beim Hähnchensalat mit (lauwarmen) Streifen von der gebratenen Brust. Überall ist natürlich mit Knoblauch gewürzt, doch man übertreibt es nicht. Noch eine Besonderheit, eine ganze Seite der umfassenden Speisekarte mit einem Dutzend Salatvariationen und Omelettes bewegte sich im Rahmen von vier bis sieben Euro. Um ähnliches zu finden, muss man lange suchen...

Gewiss, einfach geht's zu: In der blau-weißen Kunststoffdecke waren Brandflecken und vor dem nächsten Gang musste ich erst einmal eine Ameisenstraße vom Tisch umleiten. Dass die Tierchen ungestört ihren Weg zwischen Teller und Besteck nahmen, störte augenscheinlich keinen, aber vielleicht gehört das ja auch zur angesprochenen späten Urlaubseinstimmung. Zehn Gerichte mit Fisch und Meeresfrüchten stehen zur Auswahl, die gebratenen Sardinen mit Tsatsiki, Taramas, Salat und Skordalla sind gut gewürzt und das Gericht ist umfangreich genug, einen Holzfäller satt zu machen. Seezungen haben hierzulande inzwischen Rekordpreise. Im Niko wurden ausgelöste Filets verarbeitet, und auch da wurde der günstige Preis voll an den Gast weitergegeben. Ganz gewiss schmeckt mir eine Seezunge in schaumiger Butter gebraten oder komplett mit der Gräte gegrillt erheblich besser, doch der Preis ist dann auch in vergleichbaren Restaurant drei bis vier Mal so hoch. Der große Nachteil dabei: Die Konsistenz ist nicht bissfest, sondern eher puddingweich. Kross dagegen sind die panierten Calamari-Ringe und appetitlich die melierten Riesengarnelen. Diese können Sie wahlweise mit der üblichen griechischen Garnitur oder eingedeutscht mit Brokkoli, Kroketten und einen kleinen Salat an der Seite bestellen.

Zwei Kreative aus der Werbebranche müssen Lamm-Fans sein, darum die Wahl dieses Restaurants. Von den etlichen Lammfleisch-Kombinationen orderten sie die Lammkeule aus dem Backofen, saftige Scheiben mit Zwiebeln, Kartoffeln, Peperoni und Salat für 10 Euro pro Person.

In einem Restaurant der extrem preiswerten Art erwarte ich keine Weinkarte mit Top-Lagen, einfache Landweine sind in Ordnung, geordert wird mehrheitlich Bier. Wer mit 25 Euro für zwei Personen hinkommt, muss bereit sein, in allen Belangen Abstriche zu machen. Beim nächsten Mal berichte ich dafür wieder über Gaumenfreuden der gehobenen Art.

Restaurant Ach Niko Ach, Kurfürstendamm 97-98, Telefon: 324 97 79, www.achnikoach.de

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