Gourmetspitzen

Zu scharf gegessen

Vielleicht war es die Schärfe der Saucen, vielleicht das verwendete Fett, vielleicht aber auch ein ernsteres Küchenproblem. In jedem Fall war ich nach meinem abendlichen Testessen für die Nacht an bestimmte Räumlichkeiten gebunden, weil Magen und Darm nicht aufhören wollten zu rebellieren.

Restaurants zu testen, eine oft beneidete Tätigkeit, kann (wie Sie, lieber Leser, an diesem Beispiel unschwer erkennen) durchaus gefährliche Tücken haben.

Soweit der unglückliche Einstieg in ein Restaurant, dem eine äußerst erfolgreiche Idee zugrunde liegt: "Hooters". 1983 in Clearwater Beach, Florida erstmals mit hübschen, kurvenreichen Service-Damen in knappen Höschen präsentiert, ist das sexy Sportkonzept heute in 29 Ländern vertreten und seit kurzem erstmals auch in Berlin mit einem Restaurant plus Biergarten im Spiel.

Dass die "Hooters"-Filiale zum 25. Jubiläum der Kette in die deutsche Hauptstadt kam, ist allein der Initiative von Hans-Peter Wodarz, dem König der Event-Gastronomie, zuzuschreiben. Weil er selbst so überzeugt ist, stieg der Erfinder von "Panem et Circenses" und "Pomp Duck and Circumstance" gleich selber mit ein und suchte den Platz gegenüber dem S-Bahnhof Tiergarten als Standort aus. Bei meinem Besuch gab es keinen freien Platz im Grünen, darum wählte ich die Sportsbar mit etlichen Bildschirmen (Fußball-Übertragungen). Meine Servicedame Louisa, bei der nur der rote Luftballon am Faden, der aus ihrem Höschen stieg, größer als die Oberweite war, servierte zum gesunden Einstieg Sellerie-Karotten-Sticks mit Blue Cheese Dressing. Die Spare Ribs, diese normalerweise knusprig gegrillten Schweinerippchen, waren leider durch die BBQ-Sauce aufgeweicht und von einem viel zu starken Räucheraroma geradezu erschlagen. Ungewöhnlich die frittierten Kartoffeln, die nicht als klassische Pommes-Frites-Stifte kamen, sondern spiralförmig geschnitten wie ein hohes Schneckenhaus. Der Name der Variante: Curley Fries. In jedem Fall waren sie ordentlich gemacht, goldbraun und gut gewürzt.

Am Nebentisch feierte eine Gruppe von Arbeitskollegen einen Junggesellenabschied. Hier zeigte sich das bedienende "Hooters"-Girl schon frecher und klopfte dem Gastgeber spielerisch auf die Stelle, die der für die Hochzeitsnacht gewiss noch braucht. Die "Hooters"-Burger als Basis für die feucht fröhliche Nacht sahen sehr ordentlich aus und bestehen, wovon ich mich in der Küche überzeugen konnte, aus einem halben Pfund Rindfleisch, kombiniert mit Gewürzgurke, Eisbergsalat, Tomaten, ausgebackenem Speck und Zwiebelringen. Wenn man die Beilagen noch berücksichtigt, Weißkohlsalat (Cole Slaw) oder Kartoffelsalat, sowie Bohnen, sind 7,60 Euro ein ausgesprochen fairer Preis. Das gilt auch für die Quesadillas, getoastete Tortillas, garniert mit Mozzarella und Cheddar Käse sowie einem zarten Hühnerfilet (7,90 Euro). Die Salate sind derart riesig, dass sie in Normalportionen für die ganze Familie aufgeteilt werden können. Allerdings wirkte der gemischte Blattsalat, der wahrscheinlich fix und fertig eingekauft wird, nicht frisch, und die Croutons waren labbrig wie weichgekaute Fruchtgummis.

Mein Verhängnis, so vermute ich, weil bei mir der Geschmack eine 12-Stunden-Dauerwirkung hatte, waren die Chicken Wings, die nicht paniert kross ausgebacken waren, sondern in einer Sauce serviert wurden, die ich leichtsinnigerweise mit "scharf" akzeptiert hatte. Was ich zu diesem Zeitpunkt nicht wusste: "scharf" läuft intern unter dem Geheimcode "911-Hot". Das liegt an der Spitze einer großen Bandbreite von Schärfegraden. Sollten Sie jemals diese Chicken Wings bestellen, wählen Sie Medium, dass reicht völlig. Es sei denn, Sie verfügen über ein stählernes Magen-Darm-System.

Louisa in Florida-Orange schob mir noch schnell ein Glas Chardonnay auf den wenig passenden Pils-Bierdeckel und formierte sich dann mit den anderen Mädchen zum gut einstudierten Clubtanz. Wie gesagt, die Stimmung war schwungvoll, das Programm amüsant. Nur bei dem Gedanken, hier einen Restaurant-Test zu machen, kam ich mir so fremd wie ein Schneeball in der Wüste vor. Damit auch die Güte der Speisen angehoben wird, will Wodarz eine weitere Qualitätsoffensive starten.

Als ich um die Rechnung bat, die Louisa dann angesichts des Trinkgeldes mit etlichen handgemalten Herzen versah, ging die Musik in Stimmungslieder im Dreivierteltakt über. Am Rundtisch gegenüber wurde geschunkelt wie beim rheinischen Karneval. Zur fortgeschrittenen Stunde ging man, weil Fröhlichkeit so locker macht, an manchen Tischen zum Champagner über, den es hier zum "Sozialpreis" gibt. Weltweit habe ich noch nie ein Lokal erlebt, wo das Glas Marken-Champagner für 8,50 Euro angeboten wird. Im Biergarten stimmte ein vielstimmiger Chor "So ein Tag, so wunderschön wie heute...." an. Doch für mich sollte der noch lange nicht zu Ende sein...

Hooters Berlin, Tiergarten, S-Bahn Bögen/ Straße des 17. Juni. Telefon 310 17 011, www.hooters-berlin.de