Gourmetspitzen

Der freundliche Service macht das Fagiano zum Erlebnis

Ein wenig kulinarisches Dolce Vita kann der richtige Ausgleich zum real existierenden Alltags-Ärger sein. Im Fagiano traf ich den zurückgetretenen Bundespräsidenten Horst Köhler mit Gattin. Von der oft beschriebenen Amtsdepression bei ihm keine Spur, ich erkannte nur Vorfreude aufs Genießen.

Dafür haben im Fagiano in erster Linie Küchenchef Timm Kleist und sein Team zu sorgen. Tatsächlich aber tragen den größten Teil zum Restauranterlebnis der herausragende Service, die perfekte Weinpflege und das dezent elegante Ambiente bei.

Entwicklungspotenzial ist am Herd genügend vorhanden, sieht man einmal von den hausgemachten Pasta-Spezialitäten ab. Die hat die Küche vorzüglich im Griff. Tagliolini mit Sommertrüffel oder mit Pfifferlingen, die exzellent zubereitet sind. Wer es scharf mag, kommt ebenfalls auf seine Kosten. Die Tomatensoße all'arrabiata oder Pasta mit heißen Chili und Olivenöl - alles ohne Tadel. Zufrieden war ich auch mit der Auswahl und der Zubereitung der Vorspeisen. Okay, das sind Standards, aber der toskanische Brotsalat mit Pecorino-Käse oder das Vitello Tonnato waren leicht und aromatisch interpretiert, empfehlenswert auch die gegrillten Calamaretti.

So weit so gut. Verbesserungen sind im Bereich der Röstaromen möglich. Jakobsmuscheln, die blässlich und halb roh auf dem Teller liegen, gehen einfach nicht, es sei denn, man serviert sie mariniert. Ansonsten müssen sie goldbraun gebraten oder gegrillt sein. Auch meinen Loup de Mer (Wolfsbarsch) hatte ich mir kross auf der Haut gebraten bestellt. Bei Eintreffen dann lag die sonst so appetitliche Fischhaut aber labberig wie ein Fensterleder auf dem sonst gut gewürzten Fisch. Das Nachspeise-Angebot besteht aus Standards wie Tiramisu, Schokokuchen oder Crème brûlée. Herauszuheben ist das besondere Preis-Leistungs-Verhältnis: großzügige Portionen für fünf bis sechs Euro.

Die Weinkarte ist natürlich italienisch ausgerichtet, geordnet nach Regionen von Venetien bis Kalabrien. Draußen auf der Terrasse an warmen Tagen schmeckt der leichte Pinot Grigio von Jermann ganz besonders. Mit dem Lob für die Weinpflege verbinde ich das Kompliment für die besonders angenehme mediterrane Atmosphäre. Das gehört zur Alltags-Philosophie, die die meisten nach dem Motto pflegen: Wohin heute zum Essen? Lass uns zum Italiener gehen. Und warum wollen wir zum "Italiener", ganz gleich, ob Sterneküche oder Pizzeria? Bei jedem Laden, in dem Pasta, Fisch und Pinot Grigio auf der Karte stehen, sprechen wir vom "Italiener". Ich glaube, es ist zum einen eine tiefe Sympathie für die Küchenrichtung, zum anderen müssen wir uns keine Namen merken.

Berlin ist gut dran. Hier findet man alle Küchen dieser Welt und sie werden häufig nicht allein nach dem Essen beurteilt, damit sind oft Sehnsucht, Urlaubsrückblick oder Kindheitserinnerungen verbunden. So findet man an jeder Ecke ein italienisch ausgerichtetes Restaurant. Einige Lokale heben sich durch ein besonderes Gästeangebot ab. Dazu zählt auch das Fagiano.

Heinz Horrmann schreibt jeden Sonnabend für die Berliner Morgenpost

Fagiano Fasanenstraße 41, Wilmersdorf, Tel. 886 04 99, Geöffnet: täglich von 11 bis 24 Uhr