Gourmetspitzen

Vieles besser, aber noch nicht alles richtig gut gemacht

Jede Service-Philosophie, jedes Credo und alle Richtlinien können nur so gut sein, wie sie von den Mitarbeitern an der Basis umgesetzt werden. Doch manchmal ist man schon überrascht, wie krass die Unterschiede ausfallen können.

Bei meinem ersten Besuch im Midtown Grill gleich nach der Eröffnung des Marriott Hotels im Beisheim-Center am Potsdamer Platz erlebte ich ein beispielloses Service-Chaos. Hier stand der Gast nicht im Mittelpunkt, sondern nur im Weg. Der Weinkorken wurde zerbröselt, das letzte Stück Kork mit dem Finger in die Flasche gedrückt und dann eingeschenkt. Die Teller landeten olympisch auf dem Tisch, einfach wie ein Diskus hingeschleudert.

Jetzt, Jahre später, staunte ich, wie gründlich eine Oase geschaffen wurde. Unser Kellner arbeitete gut geschult, geschliffen, persönlich liebenswert, die Wünsche der Gäste wurden aufmerksam erfüllt. Die Weinpflege (bei einer immer noch zu dünnen Weinkarte) war erstklassig. Erfreulich ebenso die Qualität der Vorspeisen. Die Soft Shell Krebse im Tempurateig, eine Florida-Spezialität, waren vorzüglich zubereitet, innen zart und außen kross, erstklassig gewürzt und mit Chili-Mayonnaise, Avocados und in Sojasauce marinierten Tomaten abgerundet. Eine Gaumenfreude für günstige zehn Euro. Auch die knackig frischen Salate und das Carpaccio vom Rinderfilet überzeugten mich. Als interessante Variante wurden beim Tomaten-Mozzarella-Salat die aromatischen Käsekugeln und die Kirschtomaten aufgespießt und mit gegrillten Zwiebelringen, Feigen und Basilikum kombiniert. Das mit dem am Spieß servieren setzte sich bei einer Berliner Spezialität fort, der Kalbsleber mit krossen Zwiebelringen, Apfel-Kartoffelpüree und Rotweinjus. Die sautierte (kurz gebratene) Leber kam mundgerecht geschnitten auf den Tisch, war ordentlich gegart und wie die zweite Spezialität des Küchenchefs, die vegetarische Kombination unter dem Namen "Berkley" (Gnocchi, Kräutersalat und Gemüseauswahl), appetitlich präsentiert.

Zu kritisieren gilt ausgerechnet, was in der Werbung plakativ ins Schaufenster gehängt wird - die Zubereitung der Steaks. Da heißt es viel versprechend: "die beste Adresse für Steaks in Berlin". Richtig, es wird amerikanisches Prime Beef angeboten, fein marmoriertes Fleisch. Doch mein Rib Eye Steak, das ich "medium rare", also sehr rosa, im Kern noch blutig bestellt hatte, war komplett durchgebraten. Und zwei Tische weiter fluchte ein Hotelgast darüber, dass aus seiner Bestellung "ein mausetotes Stück Fleisch, grau wie Brot" geworden sei. Wenn ich aber 54 Euro für ein edles Steak verlange, muss es schon perfekt sein. Da wird aber in der offenen Küche, in der die Köche an Stelle der hohen weißen Kochmützen schwarze Baseball-Käppis tragen, noch nicht gut genug agiert. Anzumerken ist außerdem, dass meine Bratkartoffeln und der kleine Gartensalat als Beilage extra berechnet wurden.

Der Midtown Grill ist eine der wenigen Adressen in Berlin, wo es auch Wagyu-Fleisch gibt. Diese etwas erschwinglichere Variante (aber immer noch 79 Euro für ein kleines Filet) des berühmten Kobe-Beef wird als absolutes Spitzenprodukt offeriert. Um den Bogen zu spannen, das günstigste Steak wird vom Strauß serviert und kostet 20 Euro.

Was ich mustergültig finde, ist die Salzkarte, aus der der Gast wählen darf. Ob nun Meersalz mit Rosenblüten, Ingwer, Lavendel oder Sternanis, er bekommt aus 24 Aroma-Angeboten ein Schälchen nach seiner Wahl.

Positiv vermerkt werden muss, was zur Begrüßung und zum Abschluss des Menüs zelebriert wird. Als Einstieg gibt es drei gut gemachte Brotaufstriche, von der Olivenpastete bis zur Salzbutter. Das Brot dazu ist warm. Zum Abschluss wird es richtig amerikanisch, nach Vorspeisen, Steaks und Ketchup werden (kostenlos) Marshmallows auf Holzspießchen angeboten, die über einem kleinen Tischfeuer gegrillt und in einer Schale mit Schokoraspeln gewälzt werden. Wem dass nicht zu süß ist, findet so noch einen glücklichen Abschluss.

Restaurant Midtown Grill , Ebertstrasse 3, Tiergarten, Tel. 220 00 54 11, alle gängigen Kreditkarten

Heinz Horrmann schreibt jeden Sonnabend in der Berliner Morgenpost