Gourmetspitzen

Wer denkt hier schon ans Essen?

Vorsicht bei den Klassikern: In der Paris Bar ist der Genuss zweitrangig - entsprechend kommen die Speisen auf den Teller

Wenn für eine Berliner Bar mit angegliedertem Restaurantbetrieb der Serientitel "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" zum ständigen Auf und Ab passt, dann für die Paris Bar. In Magazinen und bunten Blättern wird nie über Berliner Treffpunkte berichtet, ohne dass die Paris Bar ein Platz auf dem Medaillentreppchen einnimmt, vor allem zur Berlinale, zur Echo-Verleihung und ITB ist Hochzeit angesagt. Ein Künstler- und Prominenten-Magnet schlechthin.

Wohl kein Lokal in der Hauptstadt ist atmosphärisch so stark, eine Mischung aus Pariser Hemingway-Bar und pfiffigem Brasserie-Charme. Die Paris Bar war schon in West-Berlin ein weltläufiges Schaufenster, weil hier zwei Österreicher mit französischem Personal internationale Cocktails und eher einfache Gerichte servierten. Eine wirtschaftliche Bestandssicherung war bei allem Reiz aber nie gegeben. Doch nach intensiver Problemphase mit Insolvenz sorgen jetzt seriöse Investoren für finanzielle Stabilität. Die gute Stimmung und das Flair blieben völlig unberührt.

Bei meinem Besuch war jeder Tisch besetzt, und der Service funktionierte. Wenn von den Kellnern auch ein bisschen zu viel "Monsieur, Monsieur" geflötet wird und mit "Merci, merci" zu gewollt Pariser Atmosphäre verdeutlicht werden soll. Aufmerksam geht's zu, aber nicht aufdringlich.

Damit ist der größte Teil meiner Positiv-Liste schon abgehandelt. So gut die Getränke, so ordentlich die Weinpflege, mit dem Essen war ich noch nie glücklich, bei allen Besuchen nicht einmal grob zufrieden. Mag ja sein, dass es stimmt, dass die Küche in einem so außergewöhnlichen Lokal zweitrangig ist. Eine stabilere Leistung der Crew am Herd wäre aber wahrlich nicht störend. Diesmal wollte ich es wie die Stammgäste machen und nur die so genannten Paris-Bar-Klassiker bestellen. Doch bis auf den knackigen grünen Salat mit weichem Ei und warmen Speck war alles andere durchaus verbesserungswürdig.

Nehmen wir beispielsweise die Bouillabaisse: eine kräftige Fischbrühe mit Kräutern, fein abgeschmeckt und herzhaft im Finish. Aber wie um alles in der Welt soll man in einer Suppentasse ein unzerkleinertes Scampi mit Krustenschwanz zerlegen und gekochte, aber knochenfeste Fischbrocken und zu groß geratene Gemüseeinheiten zerkleinern? Vielleicht ein neuer Sport. Wer das ohne Kleckern und Spritzer schafft, hat gewonnen.

In der Paris Bar isst man vor allem Steak mit streichholzdünnen Pommes Frites, wurde mir schon mehrfach kundgetan. Gesagt, bestellt. Doch dann zeigte sich erneut, dass das Entrecote so fest war, dass es zum ultimativen Gebiss-Test wurde, vielleicht ja von der Zahnarzt-Innung gesponsert (nur ein Scherz). Und die hier in früheren Zeiten wirklich guten "Allumettes"-Kartoffeln waren jetzt fingerdicke Pommes Frites, die nicht einmal knusprig serviert wurden. Das Filetsteak, das meine Begleiterin bestellt hatte, war deutlich besser, aber auch kein zartes Stück Fleisch, durch das das Messer nur so gleitet. Die Stammgäste stört das wenig. Man freut sich, in der Paris Bar zu sein, Spaß zu haben, Netzwerk zu pflegen und neue Kontakte zu knüpfen. Da ist die Küchenleistung zweitrangig.

Nicht nur das Ambiente und die Präsentation auf dem Teller schaffen Atmosphäre, auch die Gäste selber. Da sie aber vor einer langen Nacht auch Essen wollen, drängt sich automatisch die Frage auf: Was ist nun in jedem Fall in der Paris Bar empfehlenswert? Stets frisch und köstlich sind die Austern (ohne Kochkunst), die Blutwurst als Klassiker und wenn vorhanden, die Seezunge, die habe ich bei einem früheren Besuch ordentlich gebraten gegessen, auf den Punkt gegart und mit feinen Röstaromen.

Ansonsten ist vor allem Unterhaltung angesagt. Die Stimmung ist wirklich gut im Lokal mit dem engen Bistro-Gestühl, Lederbänken und den Bildern an den Wänden, die von den Gästen so widersprüchlich bewertet werden. Der ganz besonderen Paris-Bar-Atmosphäre kann sich keiner entziehen. Das ist gewiss die Stärke des Traditionslokals. Vielleicht bringt ein überliefertes und häufig wiederholtes Zitat eines Stammgastes alles auf den Punkt: Wer in der Paris Bar eintrete, lasse alle Hoffnung fahren, dass er herauskomme, ehe es Morgen wird. Und dass er noch der Gleiche sei, der durch die Tür eingetreten ist. Bis Mitternacht entspreche die Paris Bar nach der Weltordnung Dantes der oberen Hölle, die der Maßlosigkeit gewandt ist. Im Morgengrauen beginne dann die untere Hölle, in der für die letzten Übriggebliebenen die Bilder an den Wänden zu sprechen beginnen.

Konnte ich nicht erleben, so lange blieb ich nun doch nicht.

Paris Bar

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