Gourmet-Spitzen

Gourmets im Grunewald

Ist ein Restaurant oder ein Hotel auf dem Tiefpunkt angekommen, kann es nur besser werden, so wie im Alma Schlosshotel im Grunewald und dem Gourmet-Restaurant Vivaldi erlebt. Zurzeit ist die Qualität sogar gravierend besser als vor einem Jahr. Mein aktueller Besuch war geradezu ein Genuss. Diese Trendwende hat einen Namen: Tania Saez de Guinoa. Die Deutsch-Spanierin, aktuell die Direktorin im Haus, hat Großes geleistet.

Die entscheidende Frage bleibt freilich offen. Da hilft weder der Blick in die Glaskugel noch Kaffeesatzleserei: Wie lange bleibt sie? Und wird dann aus der duftenden spanischen Orangenblüten-Atmosphäre wieder sibirische Service-Eiszeit?

Wir reden von einem der schönsten deutschen Kamin-Restaurants überhaupt, im prunkvollen Schlosshotel mit den prächtigen Kassetten-Decken. Wie gesagt, heute ein Alma-Hotel (spanische Gruppe). Es ist das Hotel mit einer unendlichen Geschichte. Ich habe dort schon gewohnt, als es noch Schloss Gerhus hieß. Dann kaufte es der Berliner Hotelier Michael Zehden, machte es in Folge zu einem Ritz-Carlton, später wurde es ein Regent, gefolgt von einem Zwischenspiel des Dorint-Gründers Herbert Ebertz. Anschließend der rasante Abschwung mit einer Stasi-Spitzel-Professionellen als Direktorin, die damit kokettierte, dass man Hotelmanagement nicht erlernen müsste, wenn man nur eine überzeugte Gastgeberin sei. Das Ergebnis war dementsprechend. Und schließlich erwarb die mir gänzlich unbekannte spanische Gruppe Alma für 23 Millionen Euro das Edeldomizil, in dem einst schon der Kaiser heimlich seine Freundin traf.

Ich erlebte nach früheren durchaus genussvollen Besuchen dann vor einem Jahr das gnadenlose Gästevertreibungs-Programm. Dutzende Leser machten die gleiche Erfahrung. Und jetzt die Umkehr. Ein liebenswerter, erkennbar gut geschulter Service und eine richtig gute Küche sorgten für einen angenehmen Abend. Dabei hatte sich gerade der Küchenchef Jens Rittmeyer verabschiedet, aber das Team am Herd zauberte auch ohne ihn. Die einzelnen Gerichte können, in zwei Menüs zusammengefasst, günstiger geordert werden, als Royal für 135 Euro, wobei hier ein Glas korrespondierendem Wein zu jedem Gang gehört. Das Degustationsmenü gibt es für 109 Euro ebenfalls mit Wein. Wir probierten lieber Einzelgerichte, sprangen auf der Karte hin und her. Der Loup de Mer auf Olivenölfond mit Ofentomaten und Fenchel zeichnete sich durch ausgewogene Aroma-Balance aus, die Vorspeise Wachtelbrust und Kalbsbries durch einen sensationellen Trüffel-Jus. Leider fanden die Schwarzwurzeln, die ich gerne genieße, nur als zwei Spänchen in Zahnstochergröße statt.

Eine prima Kombination ist der Müritz-Saibling mit Räucheraal, dazu Apfelgraupen, ebenso der butterzarte, aber nicht übergarte Steinbutt mit Kürbis. Die marinierten Jakobsmuscheln mit Taschenkrebs und Avocado bekamen durch Piquillo-Paprika ein wenig Feuer, was dem braven Geschmack gut tat.

Wer vegetarische Kost bevorzugt, bekommt mit dem Grunewald-Menü Futter, vom Radicchio-Confit bis zum gefüllten Chicoree. An den Produkten gab es nur geringe Korrekturen, so müsste auf der Haut gebratener Fisch krosser sein und der Rehrücken mit Portwein-Jus einen Tick herzhafter. Kleinigkeiten gewiss, die den guten Gesamteindruck nicht wirklich schwächen. Ärgerlich nur, dass man vor den lärmenden und laut telefonierenden Gästen nirgendwo sicher ist. Hier störten sie einmal mehr die gediegene Schlossatmosphäre.

Die Dessertkarte wurden mit einigen originellen Kleinigkeiten aufgewertet (Schokoladenknusper mit Passionsfrucht oder das Küchlein mit Thymian, Zitrusfrüchten, Sanddorn und herzhaft gesalzenem Karamell mit Ziegenquarkeis) Und die Weinkarte, immer noch hochpreisig, aber doch kundenfreundlicher kalkuliert als bislang.

Vor drei Jahren hatte ein Repräsentant der spanischen Gruppe, die auf Deutsch "Seele" heißt, vollmundig verkündet: Wir wollen zukünftig allerbeste Küche auf Zwei-Sterne-Niveau bieten. Das wurde der Lachschlager der Berliner Gastroszene. Die sympathische Tania Saez de Guinoa hat da bereits eine Menge reparieren können.

Restaurant Vivaldi im Schlosshotel im Grunewald

Brahmsstraße 10Telefon 89 58 40Dienstag bis Sonnabend, 12 bis 14 Uhr und 18.30 Uhr bis 22 UhrAlle gängigen Kreditkarten.

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