Gourmetspitzen

Das Häuschen am See

Keine andere deutsche Stadt ist heutzutage in der Gastronomie so breit aufgestellt wie Berlin. Eine Ausnahme gibt es, da war und ist die Hauptstadt dünn besetzt: Meeresfrüchte. Vor Jahren gab es im Kempinski Karree die "Fischküche" des Hamburger Spezialisten Rüdiger Kowalke.

Dann erinnere ich mich an einige Versuche, die nicht wirklich empfehlenswert für einen Genuss-Besuch waren. Bis auf Berlins Top-Restaurant "Fischers Fritz" von Christian Lohse, das Köstliches präsentiert, aber nicht wirklich ein Fischrestaurant ist, stand ich mit leeren Händen da, wenn ich von Lesern gefragt wurde. Ab sofort ist das anders. "Fisherman's" heißt das Restaurant, das alle Wünsche nach Meerestieren erfüllt. Es liegt nicht in den Genuss-Zentren der Stadt, sondern in Reinickendorf und war ursprünglich eine Sommerterrasse, wunderschön am Tegeler See gelegen. Kombiniert mit einem kuscheligen Pavillon formierte sich unter der Regie des jungen Soren Engelmann ein richtig gutes Fischrestaurant mit angenehmer Atmosphäre, blitzsauber, aber nicht überkandidelt dekoriert. Es gibt weder Netze noch präparierte Schwertfische wie bei derartigen Lokalen weltweit als Dekoration üblich.

Engelmann steht selber in der Küche, mit einem kleinen Team. Nach einem nicht genau definierten Drei-Stufen-Plan gibt es Einfaches, Rustikales für kleines Geld, dann ordentliche Fische, zum Teil raffiniert angerichtet und schließlich den Bereich, der auf der Speisekarte das "Besondere" genannt wird: der in der Salzkruste gebackene Wolfsbarsch etwa oder der Atlantikhummer mit Vanille-Chili-Risotto. Zum Einfachen zählt der klare Fischeintopf mit verschiedenen Filets, Shrimps und Gemüse (für 6,50 Euro). Geschmacklich einwandfrei. Für alle Altersklassen (bei Kindern besonders beliebt) gibt es den Fisherman's Fishburger. Nicht wie üblich durchgedrehter Verschnitt, sondern ein knackiges frisches Filet vom Dorsch, das in einer knusprigen Sesam-Brösel-Hülle gebacken wird. Zu den attraktiven Vorspeisen gehört die Kombination von geräuchertem und gebeiztem Lachs, wobei mich lediglich die gebackenen Kartoffelplätzchen störten, die nicht knusprig, sondern pappig waren. Drei mittelgroße Jacobsmuscheln mit Mandelbutter in der Pfanne gebraten oder der Flusskrebs-Cocktail sind preiswerte kleine Köstlichkeiten. Vom Matjes bietet Engelmann X-Variationen, herzhaft mit Apfelzwiebel-Sahnesauce, mit Curry oder mit Buchenholz geräuchert.

Ich hatte Lust auf das Filet vom Wolfsbarsch unter der Kräuterkruste mit Ratatouille und Röstkartoffeln. Eine richtig große Portion kam auf den Tisch, gut, aber nicht überwürzt, harmonisch abgestimmt, ein leckeres Gericht, auch dank der mit Zwiebeln und Speckwürfeln kross gebratenen Kartoffeln. Besser machen kann man die Kräuterkruste, die ebenso wie das Zanderfilet im Sesammantel geradezu nach einer Extraportion Oberhitze schreit und unter dem Salamander das richtige Finish bekäme. Das will der Koch auch zukünftig so machen.

Tadellos gelang der am Nebentisch servierte Wolfsbarsch in der festen Salzkruste (mit Eiweiß stabilisiert). Dabei gibt das Salz nur ganz leicht die Würze ab, doch das Eigenaroma des saftigen Fleisches wird voll erhalten. Was mir imponiert, ist das ständige Bemühen der jungen Köche, immer neue Varianten zu finden, um die Früchte des Meeres pikant zu machen. So wird die Dorade Royal in Kräuteröl gegart, werden die Riesengarnelen in Zitronenöl und Rohrzucker gebraten und mit Tequila abgelöscht und auf Wunsch verschiedene Fische mit einem Zucchinimantel präpariert.

Wenn Sie nun mit Ihrer Familie zu "Fisherman's" wollen und jemand ist in Ihren Reihen, der überzeugt ist, dass ganz ohne Fleisch das Essen nicht rund ist, kein Problem. Für diese Zeitgenossen zaubert die Küche auch ein Rinderfilet mit Balsamico-Barolo-Jus, ein Wiener Schnitzel, original aus der Oberschale vom Kalb geschnitten oder eine (mit Blattspinat) gefüllte Poulardenbrust.

Die Dessertauswahl ist klein, preiswert und süß, nicht unbedingt mein Fall. Wer es mag, hat die Wahl zwischen Karamell-Champagner-Mousse, Crème brûlée und Topfensoufflé. Die Weinkarte ist recht kundenfreundlich kalkuliert, und es gibt auch etliche offene Weine. Besonders erwähnenswert ist der Service. Selten habe ich in der Stadt eine so perfekte Betreuung erlebt, vom ersten Augenblick an, als warmes Brot mit gesalzener Butter und Frucht-Dips serviert wurde, bis zum letzten Nachschenken unseres Chablis Premier Cru, der richtig gut gekühlt offeriert wurde. Da muss man also nach Reinickendorf fahren, um von einer jungen, auch noch sehr hübschen Service-Dame derart angenehm überrascht zu werden. Ein Besuch lohnt in jedem Fall, vor allem, wenn es draußen wärmer wird und man im herrlichen Strandgarten sitzen kann, mit dem Wasser im Blick und dem Fisch auf dem Teller.

Restaurant "Fisherman's"

Eisenhammerweg 20, ReinickendorfTelefon: 43 74 64 70Täglich ab 12 UhrNur EC-Karte www.fishermans-berlin.de