Gourmetspitzen

Unkomplizierter Wohlfühlort

Manchmal gibt es für den (schlechten) ersten Eindruck doch eine zweite Chance. Die Begrüßung in dem weitläufigen Restaurant "Enoiteca di Calice" am Walter-Benjamin-Platz war eher muffig, der abweisende Bescheid für zwei Personen, keinen etwas größeren Tisch zur Verfügung zu haben, brüsk und unglücklich.

Doch dann erlebte ich den wohltuenden, höchst angenehmen Service eines Wiener Kellners, der unseren Tisch nahe der offenen Schauküche perfekt im Griff hatte, ohne dabei aufdringlich zu wirken. Damit waren wir versöhnt. Jahrelang hatte ich das Restaurant nicht auf meiner Liste, weil ich es ausschließlich als profunde Weinquelle, nicht aber als erwähnenswerte Küche angesehen habe.

Interessant wurde die Enoiteca mit der Verpflichtung des Küchenchefs Sebastian Schmidt, den ich schon im Bangaluu-Club als recht ansprechend erlebt habe. Schmidt macht eine internationale Küche, die italienischen Elemente werden ganz vorn Aug in Aug mit dem Gast zelebriert. Die Brotauswahl, sie kommt warm auf den Tisch, hat mir gefallen, das dazu gereichte Olivenöl war erstklassig. Die Besitzerfamilie legt Wert darauf, dass keine steife, überkandidelte Atmosphäre entsteht. Man wollte einen unkomplizierten Wohlfühlort schaffen, das ist gelungen, auch durch die zum Teil kleinen Preise. Das täglich wechselnde Pastagericht, Orchiette mit Broccoli, Sardellen, Oliven und viel Tomaten beispielsweise, steht mit 8,50 Euro auf der Rechnung. Das wäre die preiswerteste Art, satt zu werden. Wer zu zweit ein gemeinsames Essenserlebnis wünscht, kann sich die große Vorspeisen-Platte "Classica" bestellen. Da ist dann so ziemlich der komplette Querschnitt durch die mediterrane Küche gegeben, mit Carpaccio, Vitello Tonnato, einer frisch marinierten Gemüseauswahl, verschiedenen Schinkensorten, vor den Augen des Gastes geschnitten, Wurst und Käse. Sozusagen eine vom Mittelmeer geprägte Form der bayerischen Brotzeit. Wer die Vorspeise noch umfassender mag, bestellt "Evoluzione". Ich habe das rein interessehalber getan, um Ihnen Details berichten zu können. So werden neben den vorgenannten Alltags-Köstlichkeiten zusätzlich gebratene Gänseleber mit Quittenchutney und ein paar Fischspezialitäten am Tisch angerichtet, unter anderem eine marinierte Gelbflossenmakrele mit Avocado. Ein Spinatcremesüppchen ist auch noch dabei. Eigentlich kann man danach schon zum Dessert schreiten, so umfangreich ist die Palette. Ich wollte aber neben den üblichen Standards zumindest eine Spur von Kochkunst erleben. Allgemein lobend erwähnt werden die angeräucherten Jacobsmuscheln in kräftigem Pfirsich-Tomaten-Gazpacho. Ich favorisierte ein in Olivenöl confiertes Filet vom Skrei (ein Winterkabeljau aus Norwegen). Auch der Steinbutt vom Grill auf Karottenragout, mit ein wenig Kaffeebohnen-Aroma und duftendem Estragon angerichtet, ist selbst bei kritischer Bewertung durchaus empfehlenswert. Am Nebentisch wurden derweil Nudeln mit Alba-Trüffeln serviert, es waren allerdings nur einige wenige hauchfeine Spänchen, aber der edle Schlauchpilz ist nun einmal extrem teuer.

Wie so häufig in mediterran ausgerichteten Restaurants ist man mit Fisch immer besser bedient als mit Fleischgerichten. Das gilt wohl auch dann, wenn unter italienischer Leitung ein Deutscher am Herd steht. Das Filet war grob durchschnittlich und die Ente muss wohl auf Jules Vernes Spuren "in 80 Tagen um die Welt" geflogen sein.

Wer bisher leicht gegessen hat, darf von den besonders günstig kalkulierten Desserts naschen (ab sechs Euro). Die klassische Creme brûlée, das Tiramisu, ganz auf Mascarpone-Basis oder der Arme Ritter von Panettone mit Backpflaumenmarmelade und Clementinensorbet stellen nicht die kreative Küchenwelt auf den Kopf, sind aber schlicht lecker zubereitet, und nur das zählt.

Der gute Service wurde schon gewürdigt, bleibt ein Blick auf die Weinpflege, Ausgangspunkt des Il Calice. Ich muss sagen, das Programm rund um edle Kreszenzen wird hier absolut mustergültig praktiziert. Oft schütte ich das erste Glas Weißwein in den Kühler, weil es schlicht zu warm ist. Hier war der Chardonnay Alto Adige von Lageder (sehr günstig kalkuliert) perfekt heruntergekühlt und der Weinkellner nahm den ersten Schluck, was darum so wichtig ist, weil für den Gast auch eine berechtigte Reklamation wenig angenehm ist. Später zum Fleisch wurde ein offener Cabernet Sauvignon (Contea di Sclafani) am Tisch eingeschenkt und nicht das gefüllte Glas durch das Restaurant zum Gast getragen. Unterm Strich empfehle ich die Enoiteca il Calice darum besonders den Genießern, die Wein nicht als Drink, sondern als ein Stückchen Lebensphilosophie ansehen.

Enoiteca il Calice

Walter-Benjamin-Platz 4 / Leibnizkolonnaden

Telefon: 324 23 08

Montag bis Samstag von 12 bis 2 Uhr , Sonntag ab 17 Uhr

Warme Küche von 12 bis 16 und 18 bis 24 Uhr

Günstige Parkmöglichkeit in der Tiefgarage der Leibnizkolonnaden ab 17.30 Uhr, www.enoitca-il-calice.de

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