Gourmetspitzen

Aroma-Harmonie mit Rosenkohl

Jetzt musste alles schnell gehen. In der Küche wirbelten sie los. Akkordarbeit. Es war Sonntagabend, alle Tische im kleinen Restaurant besetzt. Dann musste zusätzlich noch 25 Mal Gänsebraten gezaubert werden, weil sich die Crew eines Berliner Restaurants zu ihrer Jahresabschlussfeier angemeldet hatte.

Man wollte unbedingt auf dem Land feiern, außerhalb Berlins, hier in Friedrichshagen, Bezirk Köpenick.

Die Anfahrt aus der Innenstadt der Metropole ist müheselig. Sie lohnt sich aber. Hendrik Canis, einer der besten Berliner Sommeliers, der sich in den Sternerestaurants "Vau" und der "Weinbar Rutz" einen Namen gemacht hatte, übernahm ein Landgasthaus mit langer DDR-Vergangenheit. Und das in einem hübschen Umfeld, die Bölschestraße gilt beinahe als der Kurfürstendamm des Ostens.

Das Kaminfeuer zauberte eine angenehme Atmosphäre (auch wenn es nur mit Gas gespeist wird). Feine Tischwäsche, recht sparsamer Schmuck. Ein bisschen mehr Blumen und Grün hätte ich mir schon gewünscht. Hendrik Canis ist dafür der perfekte Gastgeber. Man nimmt ihm ab, dass er sich so richtig freut, wenn Gäste, die er von früher kennt, an den südöstlichen Stadtrand pilgern.

Die Küche arbeitet (noch) nicht auf Sterneniveau. Das ist auch nicht das erklärte Ziel. Gute Regionalgerichte zu günstigen Preisen sollen für Genuss sorgen. Die Vorspeisen sind in Ordnung, reißen mich aber nicht vom Stuhl. Beim Dreierlei vom Kalb mit Mixed Pickles ist das pikant gewürzte Tatar der Höhepunkt. Das Carpaccio vom Oktopus mit Oliven-Panzanella geht eher als ein herzhaft angemachter Salat durch.

Die Gänseleberterrine in Verbindung mit dem Räucheraal habe ich schon bei Christian Lohse, Berlins einzigem Zwei-Sterne-Koch, kritisiert. Beide Geschmackselemente sind voluminös und einzeln serviert, große Köstlichkeiten, passen nach meinem Geschmack aber nicht zusammen.

Das Gegenteil ist für mich der Kalbsstrudel vom Bries und Filet, der mit Lorbeerjus auf den Punkt aromatisiert ist und mit gebratenen Rosenkohlblättern ergänzt wird. Die totale Aroma-Harmonie! Neben Klassikern wie Wiener Schnitzel mit lauwarmem Kartoffel-Gurken-Salat wurde bei unserem Besuch (in der Weihnachtszeit) Gänsebraten als Spezialität offeriert.

Wer kritisiert, darf auch mal lautstark jubeln. Dieser Gänsebraten mit der splitterkrossen Haut und dem butterzarten Fleisch, das bei keinem Stück faserig wirkte, war einer der besten, die ich je probiert habe. Dagegen traten die Beilagen zurück, ohne das Kritik angebracht wäre: Grün- und Rotkraut, verschiedene Klöße und Bratapfel. Da darf man bei 23 Euro durchaus von einem Schnäppchenpreis reden. Vielleicht ein Vorteil, wenn man aus der Innenstadt raus fährt.

Denn auch das Spindel-Menü am Abend ist wahrlich günstig kalkuliert. Für die marinierte und gebackene Sardine mit Artischocke, gebratener Steinbutt und Föhrer Muscheln mit Spaghettini, Rinderfilet mit Rotweinjus, Kartoffel-Schalottentarte und breiten Bohnen und das Schokoladensoufflé "medium" mit Lebkucheneis und Gewürzmandarine zahlt der Gast 39 Euro.

Die Gerichte zeigen die Linie auf, die Küchenchef Jörg Eichhofer eingeschlagen hat. Immer dann, wenn er mit frischen Produkten aus der Umgebung agiert und regionale Gerichte ohne Höhenflüge praktiziert, ist er am überzeugendsten. Da gibt es dann mal einen saftig gegarten Kaninchenrücken mit Steinpilzen oder Zweierlei (kurzgebraten und geschmort) vom Schorfheider Hirschkalb mit Topinambur und Schwarzwurzeln.

In Zeiten der Slim-Philosophie ist die Dessertauswahl überschaubar: Topfenknödel mit Rumfrüchten und Schokoladeneis oder Crème Brûlée sind wahrlich nicht schlecht, hauen mich aber nicht vom Hocker.

Das schafft schon eher Maître Hendrik Canis mit seinem kleinen, aber feinen, sorgfältig ausgewählten Weinangebot. Zwar muss ich das Prinzip Deutschland und der Rest der Welt nicht beklatschen, aber die kleinen und mittleren Burgunder oder Bordeaux sind derart gästefreundlich kalkuliert, das man sie erwähnen sollte. Für 49 Euro bekam ich einen St. Emilion Grand Cru, natürlich von der Weinpflege her perfekt serviert (ohne Nachfrage dekantiert). In das ländlich-sittliche Bild ist Canis mit seiner Weinkenntnis so etwas wie der Hauptmann von Köpenick, perfekt ergänzt durch den umsichtigen und liebenswerten Service seiner Frau Janet.

Alles in allem ist aus dem 250 Jahre alten, stets notleidenden Landgasthaus eine echte Empfehlung geworden für Genießer, die die Anreise nicht scheuen.

Restaurant Die Spindel Berlin-Köpenick. Friedrichshagen Bölschestraße 51. Telefon: 645 29 37. Di bis So, mittags von 12h bis 14.30 Uhr, abends ab 18 Uhr. www.berlin-spindel.de