Gourmetspitzen

Türkisch für Fortgeschrittene

Berlin ist eine der größten türkischen Städte, wenn man die Einwohnerzahl zu Grunde legt. Eigentlich ein Unding, dass ich bis heute noch nie ein türkisches Restaurant in Berlin besucht habe. Diesen Fehlbetrag kann ich nach dem Besuch im Tugra am Kurfürstendamm löschen.

Sowohl von der Außenwirkung als auch vom Ambiente ist das alles andere als ein verbesserter Schnellimbiss. In dezentem Grau und Schwarz gehalten mit feiner weißer Tischwäsche wirkt dieses Lokal wie die Restaurants am Rande des Bosporus, wo die Kellner im Gehrock servieren und die Gäste im Diner-Jackett und Cocktail-Kleid Platz nehmen. Dabei sind die Preise sehr kundenfreundlich kalkuliert, so kostet der tägliche Business-Lunch zwischen 7,90 und 10 Euro. Weil die Gäste zumeist aus den Büros und Anwaltskanzleien kommen, wird der Mittagstisch nur von Montag bis Freitag gedeckt.

Die Begrüßung ist freundlich, die Umgangsformen im Service tadellos. Die umfassende Speisekarte bietet 103 Positionen, was eindeutig zu viele sind, die Hälfte wäre mehr. Von einfacher Linsensuppe (3,50 Euro) bis zur großen gemischten Grillplatte und im Ofen gebackene Fische reicht die Palette. Kein Gericht überklettert die 18 Euro-Grenze. Schwerpunkt sind natürlich Lammgerichte. Ein Dutzend Geschmacksvarianten vom Lammfleisch am Spieß, natürlich Koteletts, Geschnetzeltes mit Auberginenpüree verarbeitet und natürlich als Hackfleisch serviert.

Ich begann die Mahlzeit mit Ordöv Tabagi, dass ist eine Platte mit frisch aufgewärmtem Sesam-Fladenbrot, mit einem Dutzend kleiner Portionen kalter Vorspeisen, als Aufstrich oder zum Löffeln. Mir schmeckte hervorragend das Püree von gebratenen Auberginen mit Zwiebeln und pürierten Tomaten, das gewürzte Püree aus Joghurt, Knoblauch und Minze, Schafskäse mit Gurke und Tomate, alles nicht wie befürchtet von Knoblauch überlagert. Übrigens scheint hier alles püriert zu werden, was so auf der Karte steht...

Die Salate sind knackig frisch, das Dressing wird von Olivenöl dominiert, leider fehlt die feine Säure. Die Fische vom Grill sind eher naturbelassen und haben wenig von türkischen Aromen. Ich bestellte den gegrillten Wolfsbarsch.

Wenn Zeit Geld ist, dann war das, trotz der sehr günstigen Preise sicherlich eines der teuersten Essen meines Lebens. Die Küche brauchte exakt eine Stunde und vier Minuten, um den bestellten Fisch zu garen und mit ein paar gekochten Kartoffeln anzurichten. Und dass, obwohl ganze zwei Tische besetzt waren. Ich hatte das Gefühl, dass einer von den jungen Köchen nach der Bestellung nach draußen geeilt war, um im Fischladen noch schnell den Loup de mer, diesen unumstrittenen Spitzenreiter der Meeresfische für die feine Küche, einzukaufen. Aber selbst in dem Fall müsste es deutlich schneller gehen. Der edle Angel-Fisch braucht auf dem Grill von jeder Seite gerade mal fünf bis sechs Minuten. Die unselige Wartezeit, die selbst den geduldigsten Japaner zum Zappelphilipp gemacht hätte, war die eine Sache, das geschmackliche Ergebnis die andere. Die Haut war kross, aber nicht verbrannt und das weiße, feste Fleisch des Seewolfs schlicht perfekt gegart. Am Nebentisch mit Gästen im Businessgrau und Nadelstreifen wurde der Lammfleischspieß serviert, mit dem türkischen Namen "Kuzu Sis". Das Fleisch war mit Joghurt und Kräutern bedeckt, dann kam eine Schicht klein geschnittenes Fladenbrot und oben drüber noch einmal die würzige Haus-Sauce, die aber wie alles hier im Tugra so dezent abgeschmeckt ist, dass kein Gast zum Feuerspucker wird.

Eine interessante Variation sind die Spezialitäten aus dem Steinofen, zumeist geschnetzeltes Fleisch, natürlich wieder vom Lamm, aber auch vom Kalb und Hähnchen. Wie erwartet fehlen Gerichte vom Schwein, allerdings auch vom Rind. Wer einen Querschnitt durch die türkische Küche erleben möchte, hat die Möglichkeit mit dem Saray Menü für 25 Euro pro Person. Da sind dann sieben kalte Vorspeisen, etliche Spießchen vom Kalb, Hähnchen und Lamm und ein Dessert nach Wahl enthalten. Apropos Dessert: Da ist das Angebot mehr als dünn. Ein paar Kugeln Eis, Fladenteig mit Zuckersirup oder Milchreispudding fallen gegenüber den anderen Gerichten extrem ab. Da habe ich in Istanbul doch wirklich köstliche Kombination von gerösteten Mandel-Strudel und Haselnuss-Nougat-Desserts bekommen. Vielleicht ist das ja eine Anregung...

Insgesamt stimmt das Preis-Leistungs-Verhältnis, schafft gediegenes Ambiente, Atmosphäre. Wer viel Zeit mitbringt, findet im Tugra eine interessante Abwechslung.

Restaurant Tugra, Kurfürstendamm 96, Telefon: 323 40 27 Täglich von 11.30 bis 24.00 Uhr geöffnet, www.restaurant-tugra.de , Kreditkarten werden akzeptiert

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