Gourmetspitzen

Schlimmer geht's nicht

Wie bestellt und nicht abgeholt standen wir eine kleine Ewigkeit im menschenleeren Restaurant Vivaldi herum, ohne einen Maitre oder Kellner zu Gesicht zu bekommen. Und das um 19.30 Uhr, beste Dinner-Zeit. Als dann doch einer aus der Service-Brigade auftauchte, war der über unser Erscheinen augenscheinlich unglücklich: "Ich muss doch auch noch den Room-Service machen", beklagte er sich. Mein Gott, wie störend können Gäste sein...

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Das war mir in einem Viertel Jahrhundert Restaurant- und Hoteltests noch nicht passiert. Ach, wären wir doch genau in diesem Augenblick gegangen... Wir blieben und erlebten einen Strauß von Restaurant-Superlativen der ärgerlichsten Art: das schlechteste Preis-Leistungs-Verhältnis aller Berliner Restaurants, die unverschämteste Form von Weinkalkulation, völlig ungeschulten Service und obendrauf noch ein plumpes Betrugsmanöver bei meiner Rechnung, auf der die Preise gegenüber der Karte flugs noch einmal angehoben waren.

Das alles passierte in einem der schönsten deutschen Kamin-Restaurants überhaupt, im Schlosshotel im Grunewald, heute ein Alma-Hotel (spanische Gruppe). Es ist das Hotel mit einer unendlichen Geschichte. Ich habe dort schon gewohnt, als es noch Schloss Gerhus hieß. Dann kaufte es der Berliner Hotelier Michael Zehden, machte es in Folge zu einem Ritz-Carlton, später wurde es ein Regent, gefolgt von einem Zwischenspiel des Dorint-Gründers Herbert Ebertz. Anschließend der rasante Abschwung mit einer Autoverkäuferin als Direktorin, die damit kokettierte, dass man Hotelmanagement nicht erlernen müsste, wenn man nur eine überzeugte Gastgeberin sei. Das Ergebnis war dementsprechend. Und schließlich erwarb die mir gänzlich unbekannte spanische Gruppe Alma für 23 Millionen Euro das Edeldomizil, in dem einst schon der Kaiser heimlich seine Freundin traf.

Ich erlebte nach früheren durchaus genussvollen Besuchen diesmal das gnadenlose Gästevertreibungs-Programm. Brot oder Brötchen kamen mit endloser Verspätung, Begründung: "Wir hatten heute einen Advents-Tee". Beim Wassereinschenken wurde die Flasche von der Service-Mitarbeiterin auf den Glasrand aufgesetzt, ganz ehrlich, Wartesaal-Niveau. Auf den Gedanken, meinen bestellten Cabernet Sauvignon zu dekantieren, kam keiner. Ich hatte übrigens einen kalifonischen geordert, mein Bordeaux-Lieblingswein Haut Bailly war mit unverständlichen 220 Euro ausgewiesen und selbst das kleine bürgerliche Gewächs Haut-Marbuzet mit 140, unglaublich.

Der erste Gang für meine Begleiterin bestand aus drei winzigen Stückchen und einer kleinen Schere vom kalten Hummer auf einer nichtssagenden Joghurtpampe (Preis 42 Euro), und für mich gab es ein paar Scheibchen Serrano-Schinken ohne weitere Zutaten auf dem Teller plus zwei Eckchen Brot mit Tomatenwürfel (Preis 40 Euro auf der Karte und 55 Euro! auf meiner Rechnung). Austern, wie angeboten, wurden ausgeschlagen. Der Keller beschied, die wären zurzeit schwanger und damit ungenießbar. Ich habe mit ernster Miene genickt.

Kommen wir zum Hauptgang. Der Zander ohne jede Würze vermittelte eine selten erlebte Geschmacksneutralität, nur das Gemüse, im Tempurateig ausgebacken, überzeugte als einziges Produkt aus der Schloss-Küche. Und ich weiß jetzt, was Kalte Ente ist. Sie meinen, ein Getränk? Schon richtig, aber auch meine Entenbrust, auf einem undefinierbarem Graupenbrei angerichtet, hat diesen Namen verdient. Kein bisschen kross die Haut und ein Aroma wie aufgeweichte Pappe, kalt dazu. Angesichts dieser "überragenden" Leistungsbilanz der Küche, in der einst Klasseleute wie Sternekoch Paul Urchs und Jörg Behrend glänzend agierten, haben wir auf das Dessert verzichtet. Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass die Küche Lammkarree (Rippenstück) und Tranchen von der kandierten Gänseleber empfiehlt, außerdem wechselnde Tagesmenüs. Ich war auch so bedient. Wie hatte vor gut zwei Jahren ein Repräsentant der spanischen Gruppe, die auf Deutsch "Seele" heißt, so vollmundig verkündet: Wir wollen zukünftig allerbeste Küche auf Zwei-Sterne-Niveau bieten. Ob jetzt ein Catering-Unternehmen beauftragt wird, die Speisen anzuliefern? Übrigens blieben wir nicht ganz allein im früher einmal gut gebuchten Restaurant. Zur späteren Stunde riskierten zwei weitere Gäste ein enttäuschendes Dinner. Das sei der guten Ordnung halber festgestellt. Und ebenso möchte ich nicht unterschlagen, dass meine Rechnung auf Reklamation hin korrigiert wurde. Da hatte es sich doch gelohnt, sorgfältig hinzuschauen.

Restaurant Vivaldi im Schlosshotel im Grunewald Brahmsstraße 10, Telefon 030 89584, Alle gängigen Kreditkarten.