Meine Geschichten

Hitler nahm das Auftrittsverbot zurück

Manche Filme sind so ungeheuerlich, dass sie keinem Festival ins Programm passen. Aber sie drängen auch gar nicht erst aus Leibeskräften hinein. Sie visieren eher die ARD. Das ist ihnen genug. Sie spielen schließlich auch nur eine Dreiviertelstunde. Aber es sind 45 Minuten, die man nicht leicht vergisst.

Zugegeben – der Titel, den Eric Schulz und Claus Wischmann ihrem Film gegeben haben, klingt nicht gerade hoch attraktiv. Sie haben ihn "Wagners Meistersänger - Hitlers Siegfried" genannt. Einige Titel sind mitunter ebenso irreführend wie manche Familiennamen. Es ist schließlich kein Zuckerlecken, als Metzgersohn wirklich und wahrhaftig "Sülzenfuß" zu heißen. Damit ließ sich natürlich beim besten Willen keine Karriere machen. Der junge Sülzenfuß änderte prompt seinen Namen für die Bühne sehr rasch. Er taufte sich in Max Lorenz um und machte eine Weltkarriere. Lorenz wurde eine singende Denkmalsfigur als Heldentenor.

Ich habe mit ihm noch auf der Bühne gestanden. Unsere gemeinsame Premiere hatten wir am 29.10.1941 in der Berliner Krolloper. Er sang auf seine unvergleichliche Weise die Haupt- und Titelrolle in Wagners "Rienzi". Ich wurde gleich mit mehreren stummen, aber immerhin tragenden Rollen bedacht: ich schritt würdig als Gesandtschaftsadlatus einher, die pergamentene Beglaubigungsrolle meines Herrn und Gebieters in Händen. In rasantem Umzug wechselte ich alsbald hinter den Kulissen zum Weihrauchschwenker an der Seite eines Kardinals. Meine Augen blieben aber immerfort und durchaus bewundernd auf Max Lorenz gerichtet. Ein einziges Mal nur erlebte ich ihn im Stadium heftiger Verunsicherung, deren tragischen Ursprung mir erst jetzt, mit über sechzigjähriger Verspätung, der Film (in dem ich übrigens als Zeitzeuge neben Dietrich Fischer-Dieskau und René Kollo aufzutreten die Ehre habe) aufgedeckt hat.

An diesem Unglücksabend lief das Entsetzensgerücht durch die Chor- und Statistenmenge, dass sich der herzlich beliebte, ausgezeichnete Schauspieler Joachim Gottschalk und seine jüdische Frau gemeinsam das Leben genommen hätten. Frau Gottschalk sollte deportiert werden. Das war der Grund. Dass diese grässliche Neuigkeit Max Lorenz besonders verstörte, war kein Wunder. Auch er war mit einer Jüdin verheiratet.

Außerdem sagte man ihm homosexuelle Neigungen nach. Einmal in Bayreuth beim Ausleben seiner Veranlagung ertappt und vor Gericht gestellt (Gottfried von Cramm, Deutschlands Tennis-As vor Boris Becker, war dafür im Zuchthaus gelandet), erteilte ihm Hitler für Bayreuth ein striktes Auftrittsverbot. Winifred Wagner konterte dies Verdikt mit Entschiedenheit. Sie ließ Hitler wissen, dass sie ohne einen Helden-Tenor von Lorenz' Kaliber die Bayreuther Festspiele schließen müsste. Das Auftrittsverbot wurde prompt widerrufen.

Lorenz stand bis ans Ende ihres Lebens fest zu seiner Frau, die gleichzeitig seine Managerin war. Er nahm sie mit nach Bayreuth. Er reiste mit ihr ins Ausland, was man durchaus verbieten wollte, kam aber damit nicht durch. Man versuchte, sie in Abwesenheit zu verhaften. Prompt erfolgte nach einem telefonischen Hilferuf an eine Geheimnummer glücklicherweise ihre Freilassung und gleichzeitig der strikte Befehl, Frau Lorenz nicht länger zu belästigen. Auf nachdrücklichen Befehl Hitlers nahm Göring Max Lorenz unter seinen persönlichen Schutz. Nun sing mal schön! Und er tat es tatsächlich.

Noch immer versucht man da und dort Künstler als Nazis anzuschwärzen, weil sie Deutschland und seinem Publikum, nicht etwa der Diktatur, in finsterer Zeit unverbrüchlich die Treue hielten. Daran erinnert der großartige, spannungsreiche Film von Eric Schulz und Claus Wischmann. Und natürlich an seinen unvergesslichen Hauptdarsteller Max Lorenz. Er ist 1975 gestorben.

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