Digital Dad

Teil meines Lebens ist ein mir unbekannter Brite

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Felix Müller
Kolumnenbild Felix Müller, fotografiert am 28. Mai 2021 in Berlin Foto: Maurizio Gambarini/Funke Foto Services

Kolumnenbild Felix Müller, fotografiert am 28. Mai 2021 in Berlin Foto: Maurizio Gambarini/Funke Foto Services

Foto: Maurizio Gambarini / Funke Foto Services

Die Kinder beschäftigen sich im Netz mit TikTok und knallbunten Videospielen, der Vater mit einem uralten Spiel: dem Schach.

Vor zwei Wochen schrieb ich hier mit etwas onkelhafter Selbstsicherheit, ich würde nun digital etwas kürzer treten. Heute muss ich gestehen, dass das nur in Teilen funktioniert hat. Zwar ist es mir gelungen, die App TikTok aus meinem Leben zu verbannen. Ich muss mir wirklich nicht mehr ansehen, wie sich Menschen mit Scheiblettenkäse bewerfen, Experimente mit Mentos und Cola veranstalten oder ihre Katze mit einer Gurke zum Durchdrehen bringen (Katzen halten eine heimlich hingelegte Salatgurke für eine Schlange und springen, sobald sie sie entdecken, panisch davon, es gibt ungefähr eine Million Videos von dieser sinnlosen Tierquälerei).

Damit bin ich also endgültig durch. Aber es gibt eine andere App auf meinem Handy, von der ich niemals loskommen werde. Sie heißt chess.com. Dort spielen Menschen aus aller Welt miteinander Schach in allen denkbaren Varianten, von der klassischen Partie über Bullet- und Blitzschach bis hin zum abgedrehten, von Bobby Fischer erfundenen Chess960, bei dem die Figuren auf der Grundreihe fast beliebig angeordnet werden können.

Ich liebe Schach. Ich spiele es auf dieser App seit etwa acht Jahren täglich, und meine Faszination dafür wächst immer noch. Ich glaube, das liegt an der besonderen Schönheit, die dieses Spiel entfalten kann. Eine gelungene Kombination im Schach erfüllt mich mit der gleichen Freude wie ein Fußball-Solo von Lionel Messi, ein schönes Stück Musik oder ein perfektes Gemälde. Auch wenn ich natürlich gern gewinne, ist es dabei gar nicht so entscheidend, ob mir die Zugfolge gelingt oder widerfährt. Es gibt die Geschichte von der Schach-Weltmeisterschaft in Reykjavík im Jahr 1972, als Herausforderer Bobby Fischer auf den amtierenden Weltmeister Boris Spasski traf. Die sechste Partie des Matches, die Fischer bravourös gewann, ist eine der herrlichsten der Schachgeschichte, die letzten Züge Fischers sind durchweg brillant. Als Spasski niedergerungen war, verließ dieser nicht etwa beleidigt den Raum – nein, er stand auf und applaudierte wie alle anderen Zuschauer im Saal. Man könnte vielleicht sagen, dass die Schönheit des Schachspiels stärker ist als der Konkurrenzgedanke. Zumindest manchmal.

Auf chess.com habe ich seit vielen Jahren einen Spielpartner, einen Briten. Wir reden wenig miteinander, obwohl das in dem zugehörigen Chatraum jederzeit möglich wäre. Alle paar Jahre wünschen wir uns frohe Weihnachten. Oder er fragt mich, wenn ich eine schlechte Phase habe, ob etwas nicht stimmt. Wir spielen regelmäßig drei Partien gleichzeitig gegeneinander. Das Schöne an dieser Fernschachbeziehung ist, dass wir in all den Jahren nicht herausfinden konnten, wer von uns beiden nun der bessere Spieler ist. Ich habe mich schon so oft in Siegesgewissheit gesonnt und bin dann jämmerlich untergegangen, wie er auch umgekehrt aus glänzend überlegener Stellung heraus unversehens einbrach. Dabei geht es zwischen uns immer höflich und respektvoll zu. Oft fühlt es sich nicht wie ein Duell an, sondern wie das gemeinsame Betrachten eines hochinteressanten Vorgangs. Ich bin froh, diesen Briten, über den ich sonst nichts weiß, in meinem Leben zu haben.

Und die Kinder? Schwieriges Thema. Meine Tochter hat sich dem Schachspiel von vornherein verweigert – oder sich damit begnügt, die Figuren aus Eifersucht vom Brett zu wischen, wenn ich mit meinem Sohn spielte. Der hat sich bis vor einigen Jahren ziemlich aufgeschlossen gezeigt, er war sogar einmal auf einem Schachturnier, wo sein Vater als laut mitfiebernder Schach-Hooligan einen einigermaßen verstörenden Eindruck hinterlassen haben muss. Aber was soll ich auch tun, wenn ihm gegen diesen arroganten Typen eine wunderschöne Springergabel gelingt? In den letzten Jahren haben dann diverse Videospiele die Aufmerksamkeit meines Sohnes vom Schach abgelenkt. Vielleicht sollte ich ihm da einfach mal den Saft abdrehen.