Die Lebenden & Die Toten

Wie kostbar Trauer ist

| Lesedauer: 7 Minuten
Andreas Kurtz
Luci van Org

Luci van Org

Foto: © Christian Schulz / FUNKE Foto Services

Sängerin Luci van Org hilft verwaisten Eltern und Geschwistern, will mutig sterben und hat entschieden, sich nicht mehr zu schminken.

Eine wichtige Begegnung ihres Lebens hatte Luci van Org im Sarglager eines Bestattungsunternehmens. Die Sängerin, Musikproduzentin und Autorin las dort vor 17 Jahren aus ihrem Kurzgeschichtenband „Der Tod wohnt nebenan“ und lernte am Rande die Erste Vorsitzende des Bundesverbands Verwaiste Eltern und trauernde Geschwister in Deutschland e.V. kennen. Seitdem unterstützt die Sängerin als Schirmfrau dessen Arbeit: „VEID kümmert sich um die Familien verstorbener Kinder. Um die Eltern und um die Geschwister. Wenn dein Kind stirbt, alle Eltern werden mir da zustimmen, ist das der größte vorstellbare Schrecken.“ Als sie Unterstützerin des Vereins wurde, hatte die Sängerin schon zwei Jahre ihren Sohn. „Er wächst und gedeiht. Ich kenne also die Sorge, denn ich kenne so viele Geschichten von entsetzlichen Dingen, die passieren können. Ich bin dankbar für jede Sekunde, die ich mit ihm habe.“

In den Begegnungen mit den verwaisten Eltern und Geschwistern veränderte sich ihr Verhältnis zur Trauer: „Wenn du dich damit nicht befasst, denkst du: Menschen müssen darüber hinweg kommen. Irgendwann wirst du dann schon wieder fröhlich. Dass aber Trauer eine Form von Liebe ist, die du zu jemandem behältst und dass es deshalb völlig idiotisch wäre, aufzuhören zu trauern, musst du erst mal begreifen.“ Dabei geht es ihrer Erfahrung nach darum, die Trauer ins Leben zu integrieren, um wieder lebensfähig zu werden. „Ich trauere bis heute um Menschen, die ich liebe und die nicht mehr da oder woanders sind – wie immer die Leute das sehen. Und es gibt Menschen, um die müsste ich trauern, um die trauere ich aber nicht. Da merkst du erst mal, wie kostbar Trauer ist.“

Luci van Org hatte immer schon eine große Affinität zum Thema Tod: „Ich sammle seit meinem 14. Lebensjahr Knochen und Schädel. Ich habe immer versucht, die Schönheit des Verfalls in meine Arbeit zu integrieren.“ Auch heute noch gehört das Wave Gothic Treffen in Leipzig zu den Höhepunkten ihres Jahres, wenn es nicht wegen Corona abgesagt werden muss. Während des WGT organisiert sie in der VEID Bundesgeschäftsstelle in Leipzig ein Festival im Festival mit Literatur, Musik und wissenschaftlichen Vorträgen. Nach ihrem Verständnis definiert sich die Gothic-Szene nicht vordringlich über Musik, sondern eher über den Umgang mit Außenseitern: „Ich kam aus einem Elternhaus, das sehr schwierig war und wo ich sehr viel auf mich allein gestellt war. Für mich war das damals die Rettung.“

Wenn die Sängerin, die mit dem Hit „Mädchen“ („Weil ich ein Mädchen bin“) 1994 schlagartig bekannt wurde, Goldstaub im Gesicht hat, kann man relativ sicher sein, dass sie gerade auf einer Bühne steht. Das ist nämlich die einzige Ausnahme von ihrer „Ich schminke mich nicht mehr!“-Regel: „Es gibt gewisse Dinge, die hast Du mit einem bestimmten Alter irgendwann nicht mehr nötig. Weil dein Status ein anderer ist. Ich werde am 1. September 50 und muss nichts mehr beweisen.“

2019 war die Künstlerin gefühlt die ganze Zeit nur mit Krankheit und Tod beschäftigt: „Erst starb mein Vater, dann mein Patenonkel, der mir sehr, sehr wichtig war. Dann kam bei meinem allerbesten Freund der Krebs zurück. Und später starb mein Bruder.“ Sie dachte also: 2020 wird es besser! „Aber dann kam Corona und die geliebte Schwiegermutter starb. Wir durften sieben Wochen keinen Kontakt zu ihr haben. Das war schlimm. Dann hatten wir aber zum Glück noch eine kurze schöne Zeit mit ihr.“ Seit dem Tod der Schwiegermutter reagiert Luci van Org allergisch auf Pandemie-Verharmloser: „Ich werde seitdem sehr vehement, wenn Menschen mir von der vermeintlichen Harmlosigkeit gewisser Viren erzählen wollen.“

Als Teenager sang sie in einem Gospelchor, der regelmäßig in Krankenhäusern auftrat. „Da habe ich eine Frau während eines Liedes sterben sehen. Das war wahnsinnig schön. Wir sangen, sie schien plötzlich etwas zu erblicken, lächelte ganz verklärt und starb.“ Gelegenheiten, über ihr Ende nachzudenken, hatte die Künstlerin viele: „Nach allem, was ich erlebt habe, wünsche ich mir, so zu sterben, wie ich versuche zu leben: mutig und gut gelaunt.“ Auf jeden Fall will sie es ganz zum Schluss besser machen als in ihren Zwanzigern. „Das war während des dritten Albums von Lucilectric, ständig auf Tour, keine Zeit für mich. Ich fühlte mich körperlich total ausgebrannt. Meine Ehe war gerade gescheitert, ich hatte schlimme Depressionen mit heftigen Suizidgedanken.“ Heute bereut sie, sich damals nicht sofort die Hilfe eines Therapeuten geholt zu haben: „Das Einzige, was mich immer wieder davon abgehalten hat, mein Auto mit Vollgas gegen eine Betonwand zu lenken, war der Hund auf dem Rücksitz. Meinem Hund Bobmann verdanke ich mein Leben.“ Damals flogen Ralf Goldkind und Luci van Org, die gemeinsam das Duo Lucilectric bildeten, mit ihrer ganzen Crew nach Wien. „Die Maschine startete und dann hörten wir plötzlich eine Durchsage, die Steuerung sei ausgefallen und wir müssten wenden. Und während die Stewardess das sagte, fing sie an zu weinen. Das gesamte Flugzeug erfasste sofort Panik.“ Nur eine blieb kühl: Luci van Org: „Ich las weiter Zeitung und dachte mir: Toll, dann muss ich mich nicht selbst umbringen. Ich hatte eine ekelhafte Hybris, fand die Leute im Flugzeug, wie sie um ihr Leben zitterten, armselig.“ Nach der überraschend sicheren Landung in Tegel sah die Sängerin Pilot und Co-Pilot. Ein Anblick, den sie nicht vergessen kann: „Die hatten Todesangst.“

Der Vater von Luci van Org, ein Bildhauer, starb mit über 80 Jahren bei einem Treppensturz. Seine Tochter wäre ihm fast vorangegangen: „Ich fiel beim Versuch, ein Regal auf ein anderes Regal draufzustellen und zu befestigen, von der Leiter. Das Regal schlug knapp neben meinem Kopf auf den Boden.“ Das hätte mit weniger Glück tödlich enden können. „Ich dachte im Fallen: ‚Bist du blöd! Bitte nicht so!‘ Und ich bin dankbar, dass mir das Schicksal eine Chance gegeben hat, nicht so abzutreten.“