Die Lebenden & die Toten

Nie wieder "Tatort"

Stephan Hampe sollte sterben. Der Mann, der ihn umbringen wollte, ist tot, und Hampe lebt. Jeden Tag ein bisschen mehr.

Stephan Hampe war dem Tod nah.

Stephan Hampe war dem Tod nah.

Foto: Christian Schulz

Berlin. Auf dem Tisch, an dem wir frühstücken, steht ein Körbchen. Das hat Stephan Hampe während seiner Therapie selbst geflochten: „Ich konnte mich zwischen dem Flechten eines Korbes und dem Bemalen eines Seidentuchs entscheiden.“ Hampe, Jahrgang 1963, war in seinem früheren Leben der Chef einiger Radiosender, er verdoppelte die Quoten, drehte ein großes Rad. So einer wie er landet höchstens mit Burn-out in einer Klinik. Stephan Hampe jedoch wachte Ende 2011 aus einem Koma auf.

Jemand hatte versucht, ihn während seiner abendlichen Hunderunde in Zehlendorf mit brutaler Gewalt zu erschlagen. Keine Zufallsbegegnung. Der Mann mit der mörderischen Absicht hatte das Leben seines Opfers seit Tagen ausgespäht. Ein Psychopath und Stalker, der schon früher aufgefallen war. Und der sich in seinem verwirrten Hirn eine Geschichte zusammenphantasiert hatte, in der Hampe der Grund dafür war, dass ihn seine Freundin verließ.

So nah, wie Stephan Hampe dem Tod war, kommen die meisten Menschen ihm erst ganz zum Schluss. Das weckt die Neugier. Wer ihn vorsichtig fragt, ob es das Licht, in das die Menschen in Filmen an ihrem Ende so oft gehen, wirklich gibt, erfährt: „Ich habe es nicht gesehen. Ich erlebte das alles als surrealen Traum.“ Sein Hirn vermengte Wahrnehmungen in einer Szenerie, die ihn an die Rocky Horror Picture Show erinnert. Da wurden großzügig Drogen mit der Ansage „Das ist kühl und piekst kurz. Tss-tss-tss“ verabreicht. Das war das Morphium gegen die Schmerzen.

Nach dem Aufwachen erkannte er die Leute aus dem Traum wieder

„Später als ich wieder wach wurde, habe ich die Leute aus dem Traum wiedererkannt. Den Chirurgen Professor Dr. Peter Vajkoczy, der mich operiert hatte. Und einen meiner Sangesbrüder aus dem Soul-Chor, der auf der Intensivstation als Pfleger arbeitete.“ Im Traum war Hampe barfuß, als ihm ein Pferd auf den Fuß trat: „Genau da, wo der Fuß später gelähmt war.“ Über eine besonders schräge Erinnerung aus der Klinik muss Hampe noch Jahre später lachen: „Während eine Schwester mir einen Blasenkatheter legte, flirteten sie und ein Besucher an meinem Krankenbett über mich hinweg. Die haben sogar Telefonnummern getauscht. Ich habe das alles mitbekommen.“

Nach dem Aufwachen verstand Hampe langsam, was passiert war. „Als mir aufging, dass sich mein Leben komplett verändert hat und ich nicht mehr tun kann, was mir wichtig ist, bin ich psychisch zusammengebrochen.“

Die Erinnerungen an den brutalen Überfall fehlen ihm. „Ich habe gelernt, dass das eine gesunde Reaktion der Seele ist, die sich davor schützt, solche fürchterlichen Bilder weiterzutragen.“ Die Auswirkungen auf sein Leben lassen sich nicht verdrängen. „Ich habe mein ganzes Musikequipment verkauft – bis auf eine E-Gitarre. Weil jeder Cent gebraucht wurde.“ Ihn rührt heute noch zu Tränen, wenn er darüber erzählt, wie ihm geholfen wurde: „Ein Freund hat Studienfreunde zusammengetrommelt und dazu gebracht, für mich zu spenden. Da kamen mehrere tausend Euro zusammen. Das war ein Segen.“

"Ich will wieder Auto fahren und joggen können"

Bis zum Ende seines Lebens muss Stephan Hampe Medikamente gegen Epilepsie nehmen. Er beklagt das nicht, im Gegenteil: „Aufgrund der verlässlichen medikamentösen Einstellung habe ich seit Oktober 2015 keinen Anfall mehr gehabt.“ Sogar Autofahren darf er wieder. „In der ersten stationären Reha hatte ich mir zwei Dinge vorgenommen: Ich will wieder Auto fahren und joggen können.“ Beides hat geklappt. Das sind die Erfolge in seinem neuen Leben.

Am meisten macht ihm die Einsamkeit zu schaffen. „Ich habe extrem viel Langeweile, weiß nicht, was ich mit mir anfangen kann. Zum ersten Mal seit meiner Kindheit.“ Ein Höhepunkt der Woche ist sein „Workout für Versehrte“, wie er den Reha-Sport nennt, der wegen seiner 70-prozentigen Schwerbehinderung so wichtig ist. Stephan Hampe hatte sich schon überlegt, in seine alte Heimatstadt Kiel zurückzuziehen. Dort gibt es alte Freunde. Dagegen spricht seine vergleichsweise günstige, schöne Berliner Wohnung mit Garten. Und der Umstand, dass er in absehbarer Zeit wohl Großvater wird: „So kann ich mich in dieser Rolle einbringen.“

Er gründete sein eigenes, kleines Redaktionsbüro. „Ich mache redaktionelle Überarbeitungen und Lektorat für studentische Arbeiten. Das kostet so viel Geld, wenn du das bei professionellen Lektoren machen lässt, dass sich das kein Student leisten kann. Ich biete das nun ehrenamtlich an.“

Krimis wie den "Tatort" tut er sich nicht mehr an

Stephan Hampe schaut gern Filme, Serien und Dokumentationen. Krimis wie den „Tatort“ tut er sich jedoch nicht mehr an. „Ich habe allerdings kein Problem damit, in der Martin-Buber-Straße, wo es passiert ist, meine Einkäufe zu machen. Ich gehe den Weg und habe dabei keine Flashbacks.“

Dem Täter, der ihn umbringen wollte, wurde nach einer ersten Vernehmung bei der Polizei klar, dass er für sehr lange Zeit im Gefängnis landen würde. Er beendete sein Leben. Diese Nachricht beruhigte Hampe, weil nun ganz sicher keine Gefahr mehr von diesem Menschen drohte. An einem Sommerabend schien Hampe die Zeit gekommen: „Ich habe dem Mann, der mich töten wollte, in dem Hawaiianischen Verzeihungsritual Ho’oponopono, das übersetzt etwa ‚in Ordnung bringen‘ bedeutet, verziehen.“

Jetzt würde er gern wieder halbtags oder projektweise als Musikredakteur arbeiten. Das wäre der nächste Schritt zurück ins Leben.