Die Lebenden & die Toten

Am Ende ist das Wort

| Lesedauer: 6 Minuten
Andreas Kurtz
Sonnenblumen hat Elke-Luise Ebertz-Kruse geliebt.

Sonnenblumen hat Elke-Luise Ebertz-Kruse geliebt.

Foto: CHRISTIAN SCHULZ

Wie es zu Elkes und meiner ersten Trauerrede kam - und warum man zum Abschied keine Standardrede bekommen sollte.

Mein Freund Torsten ist Bestatter. Auf welchen Umwegen er bei diesem Beruf landete, der so gut zu ihm passt, soll an dieser Stelle später einmal Thema sein. Heute will ich erzählen, wie er meinem Leben eine neue Richtung gab.

Es fing damit an, dass Torsten genervt wirkte. Und zwar immer wieder, wenn ich bei einer Trauerfeier gewesen war. Menschen über 50 müssen öfter zu Trauerfeiern. Weil ihre Eltern sterben, was sich noch mit dem Lauf des Lebens erklären lässt. Dann sterben aber auch gleichaltrige Freunde und Kollegen, was beängstigt. Ich habe nach den Trauerfeiern oft über die Qualität der Redner gemeckert. Weil viele Ansprachen nach einer einzigen Standardrede klangen, in die einfach bloß einige Lebensdaten eingefügt wurden. Das ist respektlos, das hat niemand verdient. Torsten wurde meine Meckerei irgendwann zu bunt. Er antwortete schwer genervt: „Dann mach es doch besser!“

Kurz darauf ein Anruf. Ob ich mich mit Sohn und Schwiegertochter von Elke-Luise Ebertz-Kruse treffen möchte, um über die Trauerrede zu sprechen? Bald saß ich an ihrem Küchentisch. Sohn und Schwiegertochter erzählten mir das Leben von Elke. Es stellte sich heraus, dass ich mir mit ihr den Aldi-, den Reweund den Edeka-Markt geteilt habe. Wir müssen uns immer wieder über den Weg gelaufen sein, ohne dass uns bewusst war, was uns einmal verbinden würde: unsere erste Trauerrede. Die erste für Elke und die erste von mir.

Elke kam am 21. August 1945 als Tochter von Elfriede-Luise und Willi Reinert auf die Welt. Elkes Vater war Offizier und überlebte, wie so viele, den Zweiten Weltkrieg nicht. Kriege nehmen Kindern die Väter, die sie nie gesehen haben.

Elkes Kindheit war von Musik geprägt. Sie stand in Mozarts „Zauberflöte“ als einer der drei Knaben auf der Bühne und sang mit den Knabenkollegen das Terzett „Seid uns zum zweiten Mal willkommen“. Damals wurde die Grundlage für Elkes Lust auf Theater- und Opernbesuche gelegt.

Regel: Lebensmittel werden nicht weggeworfen

An Elkes Gewohnheiten konnte man erkennen, dass die Speisekammer anfangs nicht so üppig gefüllt war. Auch in Zeiten des Überflusses galt eine eiserne Regel: Lebensmittel werden nicht weggeworfen! Nein, die wurden für später eingefroren. Und wenn sich auf dem Apfelmus ein kleiner Schimmelfleck gebildet hatte, dann wurde der mit einem Löffel entfernt. Der Rest ging doch noch! Vielleicht kam da auch das schwäbische Blut durch.

Mit Geiz durfte man das nicht verwechseln. Elke war alles andere als geizig. Ihr Sohn Gunter erklärte mir das an Elkes Ausziehtisch, der jetzt in seiner Wohnung steht und zu Gesprächen über seine frühere Besitzerin einlädt. Elke war eine großzügige Gastgeberin. Dieser Tisch bog sich oft unter der Last der Köstlichkeiten. Bei ihr fühlte sich jeder sofort willkommen und geborgen. Einfach mal kurz reinschauen und etwas abgeben - das ging nicht! Jeder musste sich setzen und schon standen ein Getränk und eine Kleinigkeit zum Knabbern vor ihm.

Mit ihren Enkeln Egon, Klara, Nati, Christian und Sandy ging Elke Pilze sammeln und spazieren. Sie vergaß in den Stunden mit ihnen die Zeit. Elke unterstützte den Förderverein der Komischen Oper und war jahrelang Vorsitzende ihres Chorvereins. Die Reisen mit dem Chor nach Rheinsberg, jedes Jahr im Frühling und im Herbst, hat sie geliebt.

Vor ihrer letzten, hoffnungslosen Krebsdiagnose im August 2019 hatte Elke schon zweimal mit dem Krebs gekämpft. Und Zwischensiege errungen. Während dieser ersten Kämpfe regelte Elke vieles, was zu regeln war. Damit wollte sie ihre Kinder nicht belasten. Eines war ihr besonders wichtig: Sie wollte so in Erinnerung bleiben, wie man sie bis zum 19. August 2019, dem Tag ihrer letzten Diagnose, erlebt hatte: bunt und fröhlich. Das blühende Leben.

Die letzten neun Monate im Hospiz

Und als liebenswerte Chaotin. Die Erinnerung an Elkes Reise am Ostermontag 2016 zu Chorfreunden nach Japan sorgt noch heute in der Familie für Ausbrüche von Heiterkeit. Die Koffer standen gepackt im Flur bereit und Elke wollte nur noch schnell den Müll rausbringen. Wenn man das vor der Reise vergisst, begrüßt einen bei der Heimkehr nämlich ein vorwurfsvoll-muffiger Geruch zu Hause. Am Ende war der Müll draußen, die Tür zu und der Schlüssel steckte innen. Ein besonders schneller Schlüsseldienst rettete die Reise und ließ sich das - man kennt diese Brüder ja - mit Feiertags- und Express-Zuschlag fürstlich entlohnen.

Wie beliebt Elke war, konnten ihre Kinder in den letzten neun Monaten der Mutter erleben. Elke musste diese Zeit im Hospiz verbringen, nachdem die häusliche Pflege trotz hingebungsvoller Hilfe wie der von Elkes Freundin Barbara nicht mehr zu bewältigen war. Die Ärzte und Pfleger im Hospiz wunderten sich. Über Elkes Zähigkeit, die sie deutlich über die prognostizierte Lebenserwartung hinaus leben ließ. Sie wunderten sich auch über die Ströme von Besuchern, die zu Elke pilgerten. An manchen Tagen hätte sich eine Drehtür zu ihrem Zimmer gelohnt.

Einen Tag vor ihrem 75. Geburtstag starb Elke. So traurig, wie es ist, dass sie gehen musste, bevor sie die letzte Ecke der Welt bereist und den heute noch ungeborenen Enkelkindern über das Haar gestreichelt hat: Wer Elke kennenlernen durfte, mit ihr Jahre und Jahrzehnte gemeinsam gehen, singen, lachen konnte, der darf und sollte über diese gemeinsame Zeit glücklich sein. Und mir war es eine große Ehre, ihr die Trauerrede zu halten.