Kolumne Deutschstunde

Jeder Kasus kämpft um sein eigenes Objekt

Besonders der Genitiv. Aber nicht alles, was wie ein Objekt aussieht, ist auch ein Objekt. Es könnte sich um ein Attribut handeln.

Die Deutschstunde von Peter Schmachthagen.

Die Deutschstunde von Peter Schmachthagen.

Foto: dpa/ Klaus Bodig

Ich weiß nicht, wie oft ich mich in den Jahrzehnten meiner journalistischen Tätigkeit bereits für ein Gedenken im Genitiv eingesetzt habe, ich weiß nur, dass es nach entsprechenden Veröffentlichungen immer ein großes Leserecho gegeben hat. Einige Leser meinten allerdings, das Genitivobjekt sei keineswegs so selten wie die Zauneidechse bei Tesla in Grünheide, vielmehr gebe es dieses Glied so häufig wie Sand am Meer, etwa bei „das Haus meines Vaters“ oder „die Rede der Kanzlerin“.

Diese Beispiele treffen allerdings daneben. Bei ihnen handelt es sich um kein Genitivobjekt, sondern um ein Genitivattribut. Bei einem Objekt haben wir es mit einem Satzglied zu tun, das von einem Verb als Ergänzung gefordert wird (wir kaufen „den Wagen“ – Objekt im Akkusativ). Ein Attribut ist hingegen eine Beifügung, die ein Substantiv (bzw. Adjektiv oder Adverb) näher bestimmen und erklären soll (wir kaufen den Wagen „meines Nachbarn“ – Attribut im Genitiv). In dem Satz „Ich empfange die Mail ‚eines Lesers‘“ ist die Mail das Objekt, der Leser allerdings (was um Himmels willen keine Abwertung sein soll!) nur das Attribut. Im Übrigen ist das mit dem Sand am Meer so eine Sache. Wer gerade die Fußball-Übertragungen eines Wochenendes hinter sich gebracht hat, fragt sich, ob nicht nur die Zuschauer in den Stadien, sondern auch der Genitiv bei den Reportern abgeschafft worden ist. Natürlich kämpfen auch andere Kasus (Fälle) um ihre Objekte. „Er dankt dem Vater“ ist ein Dativobjekt, die Aussage „Er besteht auf seinem Recht“ jedoch ein Präpositionalobjekt, dessen Präposition „auf“ unbedingt einen Dativ fordert – und koste es einen Akkusativ. Apropos „kosten“: Dieses Verb fordert ein Akkusativobjekt: Es kostet „ihn“ (nicht: ihm) das Leben.

Natürlich beschränken sich viele Zuschriften nicht auf den Genitiv, sondern räumen gleich weitere Fehler ab, die seit Langem auf der Sprachseele gedrückt haben. Ein Beispiel für eine Fundstelle: Bei dem verheerenden Feuer auf der Fähre blieb das dritte Deck weitgehend „unbeschadet“. Hier traute sich die Verfasserin (es kann natürlich auch ein Verfasser gewesen sein) offenbar nicht, schlicht und einfach festzustellen, dass die anderen Decks beschädigt worden sind, das dritte Deck aber „unbeschädigt“ blieb. „Unbeschadet“ ist eine Präposition mit Genitiv im Sinne von „trotz“ oder „obwohl“ (unbeschadet des Feuers) bzw. „ohne Nachteil, im Einklang mit“ (unbeschadet seines Gewissens).

Und dann haben wir da noch das Wort „scheinbar“, das anscheinend immer häufiger falsch gebraucht wird. „Scheinbar“ bedeutet, dass etwas nur dem Anschein nach so ist oder vorgetäuscht wird, was jedoch nicht der Wirklichkeit entspricht: Die Zeit stand scheinbar still. Sie ist scheinbar krank (sie macht blau). Mit „anscheinend“ wird die Vermutung zum Ausdruck gebracht, dass etwas so ist, wie es erscheint: Sie ist anscheinend krank (alles deutet darauf hin).

Da wir gerade dabei sind: Das Gleiche ist nicht dasselbe. Wenn sich Frau Bolle und Frau Potowsky beim Kaffeeklatsch über „dasselbe“ Stück Kuchen hermachen, dann streiten sie sich um ein und dasselbe Eierlikör-Törtchen. Wenn sie aber das „gleiche“ Sahnestück essen, so hat sich jede von den beiden jeweils ein Mokka-Baiser auf den Teller gelegt. „Dasselbe“ bedeutet, dass eine Identität der Sache vorhanden ist, dass es den Gegenstand nur ein einziges Mal gibt wie das letzte Stück Eierlikör-Torte. Bei das „Gleiche“ haben wir es mit einer Identität der Gattung zu tun, was bedeutet, es gibt mehrere gleich geartete oder gleich aussehende Sachen wie die ganze Platte voller Mokka-Baisers.

Einige weitere Antworten in Kurzform. Es heißt: Er hat „gewinkt“ (nicht: gewunken); der Sommer „dieses Jahres“ (nicht: diesen Jahres); so groß „wie“, aber größer „als“; dem „Autor“ (nicht: dem Autoren); der „Schreck“ fuhr ihm (plötzlich) in die Glieder, aber der „Schrecken“ des Krieges lässt ihn (seit vielen Jahren) nicht los.

deutschstunde@t-online.de