Kolumne Deutschstunde

Der Kampf der Fürwörter um den Vortritt

Ein Possessiv sollte nur dann durch ein Demonstrativ ersetzt werden, wenn sonst Missverständnisse möglich wären.

Die Deutschstunde von Peter Schmachthagen.

Die Deutschstunde von Peter Schmachthagen.

Foto: dpa/ Klaus Bodig

In der Morgenpost stand kürzlich folgende Passage: „Am 17. Dezember soll im neuen Berliner Schloss das Humboldt Forum eröffnen. Ein neues Buch erzählt seine bewegte Geschichte.“ Ein Berliner Leser wandte sich an den Nicht-Berliner Peter Schmachthagen und fragte: „Müsste es nicht ‚erzählt dessen Geschichte‘ heißen? Die Verwendung des Possessivpronomens wird mittlerweile in ansonsten gründlichen Medien sehr flexibel gehandhabt.“

Um es vorwegzunehmen: Im Kontext (Sinnzusammenhang) sollte es natürlich „seine“ Geschichte heißen. Niemand wird annehmen, dass es sich hier um die bewegte Geschichte eines Buches handelt. Zudem beziehen sich die demonstrativen Formen „dessen“ und „deren“ immer auf die letztgenannte Person oder Sache, sodass der Rückbezug das Humboldt Forum treffen würde.

Beim „Humboldt Forum“ fällt auf, dass in seinem Namen nach der amtlich gültigen Schreibweise für Schulen und Behörden ein Bindestrich fehlt. In Berlin wie in Hamburg gelten bei Kunstschaffenden und Sprach-Autonomen Bindestriche offenbar als dem eigenen Niveau nicht adäquat.

Die Demonstrative (die hinweisenden Wörter) können sowohl als Artikelwörter („dieser“ Mann) wie auch als selbstständige Pronomen (Fürwörter) verwendet werden („Dieser“ ist am schönsten). Nur im zweiten Fall sollte man von Demonstrativpronomen sprechen. Zu den Demonstrativen gehören „der, die, das; dieser, diese, dieses; jener, jene, jenes; derjenige, diejenige, dasjenige; derselbe, dieselbe, dasselbe“.

Um auf unser Schloss-Beispiel zurückzukommen: Die Genitivformen „deren“ und „dessen“ verwendet man anstelle der Possessive (der besitzanzeigenden Wörter) „ihr“ bzw. „sein“ nur dann, wenn Missverständnisse entstehen würden: Helga verabschiedete sich von Edith und „deren“ Mann; „ihrem Mann“ wäre zweideutig, weil damit sowohl Ediths als auch Helgas eigener Mann gemeint sein könnte. Udo begrüßte seinen Freund und „dessen“ Schwester; mit „seine“ Schwester wäre auch Udos Schwester zur Runde gestoßen.

In unmissverständlichen Fällen ist der Ersatz des Possessivs durch das Demonstrativ unnötig. In dem Satz „Ich begrüßte Klaus und seine neue Freundin“ klänge die Formulierung „und dessen neue Freundin“ gestelzt, trüge aber nichts zur Steigerung des Verständnisses bei. Das Gleiche gilt bei „Die Wahl des Vorsitzenden und seines (unnötig: dessen) Stellvertreters zog sich hin“.

Auch die oben behandelte Aussage „Ein Buch über das Berliner Schloss und seine bewegte Geschichte“ benötigt kein Demonstrativ, weil die Zuordnung klar ist. Niemand würde annehmen, dass ein noch gar nicht erschienenes Buch eine bewegte Geschichte haben könnte.

Es gilt übrigens als unhöflich, wenn man in Bezug auf Personen die Demonstrativpronomen „der, die, das“ statt der Personalpronomen „er, sie, es“ benutzt, ohne dass ein Anlass zur demonstrativen Hervorhebung vorliegt: Meine Mutter ist sehr altmodisch; mit „der“ (richtig: mit „ihr“) kann ich nicht diskutieren. Oder: Ich weiß es von meinem Lehrer; „der“ (höflicher: „er“) hat es im Unterricht gesagt.

Aber: Bei besonderer Hervorhebung kann auch in der Standardsprache das Demonstrativ stehen, wenn man damit an das letzte Satzglied im vorhergehenden Satz anschließen will: So ist das etwa bei Bundeskanzlerin Angela Merkel. „Die“ kennt fast jeder.

Für das Demonstrativ „die“ gibt es im Femininum (weiblich) zwei Formen: „deren“ und „derer“. Die Regel lautet: „derer“ steht nicht in Verbindung mit einem Substantiv (Hauptwort), sondern pronominal, etwa: Hinzu kommt die Zahl „derer“, die täglich nach Berlin pendeln. Dagegen benutzen wir „deren“ vor einem Hauptwort: Die Ärzte behandelten die Patienten bis zu „deren“ Tod. Die Patienten sterben, nicht die Ärzte.

Die umgangssprachliche Dativform „derem“ Tod (statt: deren) ist übrigens nicht korrekt und sollte vermieden werden.

deutschstunde@t-online.de