Deutschstunde

Wenn Sprachschludereien chronisch werden

Diesmal geht es um den Ersatzinfinitiv, um die Modalverben und wieder einmal um „brauchen“, dem man sein „zu“ verweigert hat.

Deutschstunde mit Peter Schmachthagen

Deutschstunde mit Peter Schmachthagen

Foto: dpa/ Klaus Bodig

Es ehrt mich und beschämt mich fast ein bisschen, wenn Leute, die auf die neunzig zugehen, mich nach der Lektüre meiner Kolumne ins Vertrauen ziehen, um über den angeblichen Verfall der deutschen Grammatik zu klagen. Sie wissen genau, was sie seinerzeit in der Schule gelernt haben, und sie leiden seit Jahrzehnten darunter, diese Formen, Fälle und Konstruktionen vermeintlich immer wieder falsch zu hören. Leider war häufig der Einzige, der falsch lag, der damalige Lehrer, der die betreffende Regel selbst nicht verstanden hatte oder sie nicht vermitteln konnte. Ich muss dann immer meine ganze Behutsamkeit zusammennehmen, um den Lesern im hohen Alter nicht ihren Glauben an die deutsche Sprache zu zerstören.

Eine betagte Dame war auf den Satz „Er hat ihn kommen sehen“ gestoßen, und sie schrieb mir, sich seit Langem über derartige „Sprachschludereien“ zu ärgern. Das Perfekt (die vollendete Gegenwart) werde hier mit dem Hilfsverb „haben“ und dem 2. Partizip von „sehen“ gebildet, das „gesehen“ laute. Also müsse der Satz „Er hat ihn kommen gesehen“ heißen.

Die Dame irrt. Wir haben es mit einem sogenannten Ersatzinfinitiv zu tun. Bestimmte Verben (mit „haben“-Perfekt) stehen, wenn ihnen ein Infinitiv (ein Verb in der Grundform) vorangeht, nicht im Partizip II (Mittelwort der Vergangenheit), sondern selbst im Infinitiv: Ich habe „zahlen müssen“ (nicht: gemusst). Natürlich wird hier kein Infinitiv ersetzt, sondern der Infinitiv ersetzt ein Partizip (lat. Infinitivus pro participio). Aus der normalen Perfekt-Konstruktion mit dem Partizip II wie „Ich habe das nicht gewollt“ wird, wenn der Infinitiv „tun“ hinzutritt, die Aussage „Ich habe das nicht tun wollen“ mit Ersatzinfinitiv – oder aus „Er hatte das Auto in der Garage gelassen“ nun „Er hatte das Auto stehen lassen“. Zwar hört man in der Umgangssprache immer wieder das Partizip II („Er hat das Auto stehen gelassen“), aber das ist dann die wahre Sprachschluderei, nicht umgekehrt.

Der Ersatzinfinitiv tritt bei den Modalverben „dürfen, können, mögen, müssen, sollen, wollen“ sowie überwiegend bei den Verben „heißen, lassen, sehen“ auf. Bei „fühlen, helfen“ und „hören“ schwankt der Gebrauch („Ich habe ihn singen gehört“, „Ich habe ihn singen hören“), während „lehren, lernen“ und „machen“ nur mit Partizip II zu finden sind oder besser: zu finden sein sollten: „Er hat schreiben gelernt“, nicht „schreiben lernen“. Der Infinitiv Perfekt steht allerdings, aber nur dann, wenn der „zu“-Infinitiv von „haben“ verwendet wird: Ich erinnere mich, ihn „laufen gesehen zu haben“

Und dann gibt es da noch das Verb „brauchen“, das durchaus in diese Reihe passt, dort aber nichts zu suchen hat: „Fritzchen hat das Fleisch nicht essen brauchen.“ Wer beim Lesen an dieser Stelle zusammengezuckt ist, hat allen Grund dazu. Natürlich erwarten wir die Formulierung: „Fritzchen hat das Fleisch nicht ‚zu‘ essen brauchen.“ Bereits im Deutschunterricht der alten Dame wurde die Regel gelehrt: „Wer ‚brauchen‘ ohne ‚zu‘ gebraucht, braucht ‚brauchen‘ überhaupt nicht zu gebrauchen!“

Übrigens: Die oben erwähnten Modalverben sind keine Vollverben, sondern dienen dazu, die Aussage der Vollverben zu modifizieren (lat. modal – die Art und Weise bezeichnend). Es ist ein Unterschied in der Aussage, ob jemand kommt oder ob jemand kommen darf, kann, mag, muss, soll oder will. Das Kommen wird hier modal abgetönt wie eine weiße Wandfarbe, der man einen Schuss Gelb aus der Abtönkartusche beigemischt hat.

Vorsicht ist geboten, wenn man ein Modalverb als Vollverb verwendet. Dann kann es leicht in der Stilistik knirschen. Ein seitdem immer wieder in ähnlicher Form präsentierter Slogan im Bundestagswahlkampf 2013 lautete: „Steinbrück kann Kanzler!“ Ein schöner Gag, aber eben falsche Grammatik – womit nicht behauptet werden soll, dass die SPD mit richtiger Grammatik Angela Merkel jemals geschlagen hätte.

deutschstunde@t-online.de