Deutschstunde

Die Angst der Schüler vor dem Zeilenende

Bei der Worttrennung gilt sowohl die Trennung nach Sprechsilben als auch die Trennung nach Sprachsilben. Sie dürfen wählen.

Deutschstunde mit Peter Schmachthagen

Deutschstunde mit Peter Schmachthagen

Foto: dpa/ Klaus Bodig

In Sichtweite meines 80. Geburtstags merke ich es an mir selbst: Je älter wir werden, desto mehr rückt die Schulzeit in den Vordergrund unserer Erinnerungen. Mögen die 70 Jahre dazwischen im Gedächtnis verblassen – die Schule und die Lehrer von damals stehen wieder deutlich vor unseren Augen. Dazu bedarf es keiner Feuerzangenbowle, die seinerzeit der Runde der alten Herren so in den Kopf gestiegen war, dass sie den Privatschüler Johannes Pfeiffer (mit drei „f“) inkognito auf ein öffentliches Gymnasium schickte.

Viele Leser schreiben mir über ihre Lehrer, vor allem über ihre Deutschlehrer. Wenn eine Mail in der Aussage gipfelt: „In der Schule haben wir früher gelernt“, so klingt das wie ein Lebensmotto, das mit einem Eid auf Konrad Duden bekräftigt worden ist, mag das Gelernte damals wie heute auch falsch gewesen sein. Ich frage mich häufig, ob die Lehrer die betreffende Regel wirklich so gelehrt haben oder ob sie sie bloß nicht vermitteln konnten. Einen besonders skurrilen Studienrat scheint es an einem Gymnasium gegeben zu haben. Er schaffte es mühelos, 80 Fehler in einem Diktat zu finden.

Der Grund für diese Fehlerflut: Der Lehrer verlangte, genau bis an den Rand der Seite zu schreiben. Das ist, zumal im Diktat bei vorgegebenem Text, gar nicht so einfach. Selten ist die Zeile mit dem letzten Buchstaben eines Wortes zu Ende. Deshalb versuchen die Schüler zu tricksen. Sie quetschen die Zeichen bis zur Schmalschrift, sie ändern am Zeilenende die „Fahrtrichtung“ um 90 Grad nach oben oder unten, oder sie lassen eine Lücke. Der Lehrer verlangte jedoch, das Wort, das nicht mehr hineinpasste, zu zerlegen – es zu trennen. Eine solche Worttrennung hat ihre Regeln und ihre Tücken.

Ein Wort ist die kleinste abgeschlossene Einheit unserer Sprache, aber es ist wie das Atom nicht unteilbar. Es besteht aus einzelnen Silben und eine Silbe aus einzelnen Buchstaben. Es gibt Wörter mit nur einer Silbe wie Eis, Maus oder Kind. Diese Wörter können nicht getrennt werden. Ansonsten teilen wir die Wörter in den Fugen zwischen zwei Silben ab – aber nicht immer.

Die Silbe ist die Zusammenfassung aus einem oder mehreren aufeinanderfolgenden Lauten (Phonemen), die sich in einem Zuge aussprechen lassen. Insoweit handelt es sich um eine Sprechsilbe. Leider deckt sich eine solche Sprechsilbe häufig nicht mit der Einteilung eines Wortes in seine bedeutungstragenden Bestandteile, in die sogenannten Morpheme, die die Schreib- oder Sprachsilben bilden. Wo trennen wir nun?

Bis 1996 war die Entscheidung eindeutig. Wir setzten die Trennfugen zwischen die Morpheme, zwischen die semantischen Wortbestandteile. Nehmen wir das Adverb „hinüber“, dessen Morpheme „hin“ und „über“ selbst von einem Grundschüler zu identifizieren sind. Also lautete die Trennung klar und morphematisch: hin-über.

Leider trauten die Rechtschreibreformer den Schülern so viel Sprachempfinden nicht zu und erlaubten auch die Trennung nach Sprechsilben, wobei sie unterstellten, dass in der Hoch- und Bühnensprache tatsächlich so gesprochen wird oder gesprochen werden sollte: hi-nüber. Wenn ich in einem Präfixverb die Trennung „hi-nübergefahren“ finde, bekomme ich jedes Mal einen orthografischen Schock.

Komplizierter ist es bei Fremdwörtern, die fremdsprachigen Morpheme zu erkennen: Ab-itur, an-onym, Atmo-sphäre, aut-ark, Chir-urg, Ex-amen, Inter-esse, Päd-agogik, Hekt-ar, Nost-algie, Di-phthong, Vit-amin, Manu-skript, Mon-archie, Pull-over, Pseud-onym oder Sym-ptom.

Leider wird heute meistens nach Sprechsilben getrennt. Die Textverarbeitungsprogramme trennen so, ebenfalls die Redaktionssysteme, sodass auch die Morgenpost am Zeilenende syllabisch daherkommt. Die alte Trennweise gilt jedoch weiterhin. Der Duden legt sich nicht fest. Er setzt seine Fugenzeichen nach alter sowie neuer Norm, selbst wenn das wenig kon|s|t|ruk|tiv ist. Sie dürfen wählen oder würfeln!