Deutschstunde

Von der Pandemie des großen Du im Deutschen

Sie begann, als Hänschen an den Weihnachtsmann schrieb. Eine wörtliche Rede ist etwas ganz anderes als ein persönlicher Brief.

Peter Schmachthagen schreibt hier wöchentlich über die Tücken der deutschen Sprache

Peter Schmachthagen schreibt hier wöchentlich über die Tücken der deutschen Sprache

„Kannst Du mir sagen, warum Hertha BSC in einem Jahr so viele Trainer verschleißt?“, fragte ein Kollege die Ressortleiterin im Fahrstuhl. „Die Antwort gebe ich Dir, wenn wir einmal viel Zeit haben“, antwortete die Sportchefin und zog sich die Atemschutzmaske über die Nase.

In dieser Kolumne geht es weder um die Hygiene-Regeln in der Corona-Krise noch um die Frage, wie lange Bruno Labbadia als Cheftrainer von Hertha BSC diesen Posten bekleiden wird. Die Antworten dazu stehen an anderer Stelle in der Berliner Morgenpost. Hier geht es um die Rechtschreibung (Orthografie). Die beiden Beispielsätze in der Einleitung enthalten typische Fehler aus diesem Bereich. Ich habe sie mit Absicht eingebaut, denn um das Richtige zu zeigen, muss man erst einmal das Falsche präsentieren. Ich hoffe, dass auch die pensionierten Oberlehrer, die gleich nach der zweiten Zeile mit hämisch geballten Fäusten an den Computer gestürzt sind, weil sie mich endlich einmal erwischt zu haben glauben, vor dem Absenden der E-Mail doch noch weiterlesen.

Wenden wir uns der Groß- oder Kleinschreibung der persönlichen Fürwörter (Personalpronomen) zu, hier speziell dem „Du“ mit großem „D“. Um es deutlich, laut und mit Trommelwirbel zu sagen: In den Beispielsätzen oben ist das unsägliche „große Du“ falsch! Dort muss ein kleines „du“ stehen!! Seit 70 Jahren kämpfe ich gegen diesen fehlplatzierten Großbuchstaben. Selbst Leute, deren orthografische Leistungen eher an eine Geisterfahrt wider Schule und Duden erinnern, werden eines mit Sicherheit nie auslassen: das „große Du“, von dem sie irgendwann einmal gehört haben.

Ich spüre im Geiste schon ein Murmeln in Büros und Familien mit dem Widerspruch: „Aber im Brief schreibt man das Du doch groß?!“ Zum Brief komme ich gleich, aber ich erlaube mir die Gegenfrage: Seit wann handelt es sich bei einer Unterhaltung im Fahrstuhl um einen Brief?!? Wir haben es hier ganz banal mit der schriftlichen Wiedergabe einer wörtlichen Rede zu tun, und in einer wörtlichen Rede schreibt man die Personalpronomen der 2. Person (du, dir, ihr) samt den dazugehörenden besitzanzeigenden Fürwörtern (dein, euer) immer klein! Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr, sagt ein Sprichwort, das allerdings eine gefährliche Rückseite hat, die da lautet: Was Hänschen falsch oder unvollständig lernt, vergisst Hans sein Lebtag nicht. Bei Hänschen begann es mit sieben Jahren bei seinem ersten Brief an den Weihnachtsmann, wobei Oma, Mutter, Lehrer und Nachbarin auf den Jungen einredeten, er müsse das Du im Brief großschreiben („Bringst Du mir bitte ein Ifohn?“). Später konnte er einen Brief nicht mehr von einer wörtlichen Rede unterscheiden, die doch so ähnlich aussieht mit Tüttelchen, Gänsefüßchen oder Anführungszeichen. Auf diese Weise begab es sich, dass sich die Seuche des großen Du über Deutschland ausbreitete.

Bis 1996 mussten die Pronomen der 2. Person im Brief immer großgeschrieben werden, immer, aber nur im Brief und nicht in der wörtlichen Rede! Mit der Rechtschreibreform brachen die Jahre des kleinen „du“ an, auch im Brief, und zwar amtlich und nur so. Leider erzwang ein Berliner Zeitungskonzern 2006 eine Reform der Reform, und danach durfte das Du wieder großgeschrieben werden – aber, wenn’s beliebt (fakultativ), auch nach wie vor klein. Und selbst, wenn Sie sich jetzt mit dem Dolch im Gewande auf die Suche nach mir machen sollten, ich wiederhole es trotzdem: Nur im Brief!

Die Höflichkeitsanrede in der 3. Person Plural (Sie, Ihnen, Ihre) wird hingegen immer und überall großgeschrieben – im Brief, in der wörtlichen Rede und sogar im Fließtext, wenn ich Sie (sic!) anrede und um Ihre (!) Aufmerksamkeit bitte, damit ich Ihnen (!) wieder einmal eine Ausnahme der deutschen Rechtschreibung nahebringen kann.

deutschstunde@t-online.de