Kolumne „Deutschstunde“

Der Shutdown der deutschen Sprache

Wir sind von lauter Anglizismen umzingelt. Nach dem Ende der Pandemie wird sich unser Wortschatz geändert haben.

Wir sind zurzeit nicht nur von Krankheitserregern umzingelt, sondern auch von Anglizismen. Ich gehöre nicht zu den Leuten, die jeden Anglizismus für Vaterlandsverrat halten. Eine globale Wirtschaft, die es vor Kurzem noch gab (wirklich!), benötigt auch globale Ausdrücke, die nicht an jeder Staatsgrenze neu übersetzt werden müssen. Dafür bietet sich das Englische nun einmal an.

Allerdings hat die Coronakrise als weltweite Pandemie (griech. Epidemie größeren Ausmaßes) auch eine pandemische Flut an Ausdrücken in die Nachrichten und Pressemitteilungen fallen lassen. Schon die Bezeichnung „Home-Office“ lässt sich nicht einfach mit „Arbeitszimmer zu Hause“ übersetzen, wie die Lehrer es früher von der Steuer absetzen konnten. Ein Home-Office ist vielmehr ein mit moderner Kommunikationstechnik ausgestattetes Büro im eigenen Haus, das übers Internet mit dem Firmennetz verbunden ist. Es wurde Zeit, die Schreibweise einzudeutschen und den Bindestrich wegzulassen. Jetzt sprechen wir von einem „Homeoffice“.

Als Speerspitze des virologischen Imperativs dient der Ausdruck „Social Distancing“, den die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in die Medien gedrückt hat. Wenn wir das Ungetüm einmal übersetzen, kommen wir zur „sozialen Distanzierung“. Wie unsinnig das ist, zeigt doch die Mahnung von Frau Merkel, gerade in Krisenzeiten den sozialen Zusammenhalt zu pflegen. Inzwischen spricht die WHO von „Physical Distancing“. Ich schlage vor, auf Deutsch ganz einfach „Abstand halten“ zu sagen.

Hier in der Siedlung sammeln sich die Zwei- bis Neunjährigen vor dem gesperrten Spielplatz zu einem wimmelnden Schwarm, der mit Geschrei durch die Gegend tobt. Offenbar sind die Kleinen gegen Viren immun. Ich sage mir, dass – was auch immer passieren wird – Deutschlands Nachwuchs und damit Deutschlands Zukunft augenscheinlich gesichert ist. Selbst aus der Stunde null erwächst neues Leben, wie wir Älteren es schon einmal erlebt haben, als wir nach dem Krieg selbst jung waren.

Ob die Zukunft der deutschen Sprache ebenso gesichert ist, dürfte hingegen zweifelhaft sein. Einschneidende historische Ereignisse oder sich wandelnde gesellschaftliche Verhältnisse haben schon immer die Änderung des Wortschatzes nach sich gezogen. Allerdings geschah das selten so schlagartig, quasi innerhalb weniger Tage.

Was bedeutet eigentlich der „Shutdown“? Schlägt man nach, bekommt man folgende Erklärung: the closing of a factory, shop, or other business, either for a short time or for ever. Versuchen wir einmal eine Übersetzung: die Schließung einer Fabrik, eines Geschäftes oder anderen Unternehmens, entweder für kurze Zeit oder für immer. Aber kann ein ganzes Land einen Shutdown erleben? Wenn schon englisch, dann bitte korrekt.

In Konkurrenz dazu werden wir mit der Entlehnung „Lockdown“ traktiert. Der Lockdown bedeutet – jetzt gleich auf Deutsch – einen Zustand der Isolation, der Eindämmung oder des eingeschränkten Zugangs, der normalerweise als Sicherheitsmaßnahme eingeführt wird. Anglizismen haben dort ihre Berechtigung, wo ein bestimmter internationaler Vorgang nicht anders ausgedrückt werden kann, aber nicht in der Nachrichtensprache, um die Leserschaft im Ungewissen zu lassen.

Wer oder was ist eigentlich ein „Coronaer“? Dabei soll es sich um eine mit Covid-19 infizierte Person handeln. Diese grausame sprachliche Neuschöpfung geistert zunehmend durch die Medien. Allerdings dürfte dieses Unwort keine Zukunft haben und es kaum in das Korpus des Rechtschreibdudens schaffen.

Richtig heimelig klingt im Vergleich dazu der Ausdruck „Gabenzaun“. Das ist ein Zaun, an den Tüten mit Einkäufen und Lebensmittel-Spenden für Isolierte und Bedürftige gehängt werden.

Eine „Infodemie“ bedeutet eine weltweite, rasche Ausbreitung von Fake News, von Falschnachrichten und Verschwörungstheorien, was nicht minder gefährlich sein kann als die Pandemie selbst.

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