Kolumne Deutschstunde

Ein Adjektiv trotzt jeder Grammatik-Krise

Seine schwierige Deklination ist wirkungsvoller als eine Schutzmaske: Sie hält alle auf Abstand. Nächster Level: die Farbadjektive.

Die Deutschstunde mit Peter Schmachthagen

Die Deutschstunde mit Peter Schmachthagen

Foto: bm / BM

Es gibt in diesen Tagen wahrlich Wichtigeres als die Deklination der Adjektive. Andererseits ist es nicht verkehrt, auch Katastrophenmeldungen in richtigem Deutsch zu verfassen, was einigen ins Homeoffice verbannten Schreibern äußerst schwerfällt. Ich bin kein Lehrmeister und wollte nie einer sein, sondern ein Autor, der in hoffentlich lesbarer Form einige Tücken der Grammatik, Rechtschreibung und Zeichensetzung offenlegen möchte.

Eine der Tücken ist die Deklination (Beugung) der Adjektive (Eigenschaftswörter). Mark Twain schrieb nicht zuletzt deshalb von „der schrecklichen deutschen Sprache“ („The Awful German Language“). Offenbar habe ich mit diesem Thema wegen oder trotz der Coronakrise das Interesse eines großen Teils der Leserschaft geweckt. Ich staune, mit welchem Eifer in der vergangenen Woche in meinem Postfach versucht worden ist, die Frage zu lösen, ob die fiktive Inge nun ein rosa oder ein „rosanes“ Kleid trug.

Wie in der vorigen Folge ausgeführt, müssen Adjektive in attributiver Stellung (also vor einem Substantiv/Hauptwort) gebeugt werden. Obwohl Adjektive selbst kein festes Geschlecht (Genus) haben, folgen sie dem Hauptwort wie ein Anhänger durch die Kasus (Fälle), Genera (Maskulinum, Femininum, Neutrum) und Numeri (Singular/Einzahl oder Plural/Mehrzahl). Das allein ist schon schwierig genug. Doch die Adjektive werden auch unterschiedlich stark oder schwach dekliniert: der schön-e Tag (schwach), aber: ein schön-er Tag (stark).

Als Eselsbrücke kann man sagen, bei einem bestimmten Artikel wird schwach, bei einem unbestimmten Artikel wird stark dekliniert. Der Grund liegt allerdings darin, ob das Artikelwort oder ob das Adjektiv die grammatische Information trägt. Der Artikel „der“ lässt sich eindeutig als Nominativ (1. Fall), Singular, Maskulinum (männlich) identifizieren; also kann das folgende Adjektiv schwach auftreten. Der unbestimmte Artikel „ein“ ohne Endung trägt diese Information nicht, deshalb muss das Adjektiv aushelfen und wird stark gebeugt.

Doch zurück zur Kleiderfarbe. Paula wählt das rot-e Kleid, wechselt dann aber zum rot-en Pullover (Standardfarbe), während Inge in ihrem „rosa-nen“ Kleid mit „beig-em“ Schal erscheint. Halt! Hier stimmt etwas nicht! Inge trägt ein rosa Kleid und hat einen beige Schal um den Hals. In der Standard- und Schriftsprache sollen die Farbadjektive rosa, lila, sepia, orange, beige, bleu, creme, chamois, oliv, ocker, pensee, reseda, cognac und türkis nicht dekliniert werden. Es heißt ein rosa (nicht: rosa[n]es) Kleid, die lila Taschen, ein orange Tuch, die beige Schuhe. Wenn man umgangssprachlich auch immer häufiger die Verballhornung „ein beiger Mantel, ein oranges Kleid“ hört, sollten Sie standhaft bleiben und demonstrieren, dass Sie die deutsche Sprache bis in den letzten Winkel beherrschen. Wer es nicht genau weiß, kann auch auf Komposita (Zusammensetzungen) mit „-farben“ oder „-farbig“ ausweichen: ein beigefarbener Hut, ein rosafarbiges Tuch. Auch die Umplatzierung vom Attribut (Zusatz zum Substantiv) zum Prädikativ (Teil des Prädikats, der Satzaussage) ist möglich: Der Hut ist beige. Prädikative bleiben ohnehin immer ungebeugt.

Warum wird das Adjektiv in „Das Urteil war ein mildes“ dekliniert, in „Das Urteil war mild“ aber nicht? Im ersten Beispiel handelt es sich um die Stilform einer Ellipse (Auslassung von Redeteilen), bei der das Subjekt (Satzgegenstand) nicht wiederholt wird, aber im Hintergrund vorhanden ist. Der Satz ist so zu verstehen: Das Urteil war ein mildes [Urteil]. Im zweiten Satz haben wir es mit einer adverbialen Konstruktion zu tun. Das Adjektiv „mild“ vertritt ein Adverb, und Adverbien werden nicht flektiert (gebeugt). Sind Attribute wie „ein vierköpfiger Familienvater“ sinnvoll? Diese Frage soll in der nächsten Woche beantwortet werden.

deutschstunde@t-online.de