Deutschstunde

Auch Adjektive können schrecklich sein

An der Beugung solcher Eigenschaftswörter verzweifelte nicht nur der Amerikaner Mark Twain, sondern auch mancher Muttersprachler.

Deutschstunde mit Peter Schmachthagen

Deutschstunde mit Peter Schmachthagen

Foto: dpa/ Klaus Bodig

Das Coronavirus hat das gesamte gesellschaftliche, wirtschaftliche, kulturelle und sportliche Leben in Deutschland lahmgelegt, aber nicht die Deklination der Adjektive. Ich möchte nicht missverstanden werden: Diese Aussage geschieht ohne den geringsten Spott, vielmehr mit der Angst eines fast Achtzigjährigen, der allein zu Hause vor dem Computer sitzt und sich nicht mehr vor die Tür traut. Die Deklination der Adjektive war einer der Gründe, warum der amerikanische Schriftsteller Mark Twain seinerzeit von der „schrecklichen deutschen Sprache“ schrieb.

Mark Twain hatte 1878 seinen geliebten Mississippi verlassen und stieg tatendurstig in Hamburg vom Überseedampfer, um Europa zu erkunden und nebenbei Deutsch zu lernen. Nach 90 Tagen gab er auf. Er scheiterte an den grammatischen Genera (Geschlechtern): „Im Deutschen hat die Rübe ein Geschlecht, das Mädchen aber nicht. Welche Bevorzugung der Rübe gegenüber dem Mädchen!“ Dass er dabei Genus und Sexus verwechselte, darf den heutigen Genderwahn-Aktivist*innen nicht als Vorbild dienen.

Er scheiterte weiter an der Unfestigkeit der meisten deutschen Präfixverben, wobei die Schwiegermutter in der Mitte der ersten Seite „reist“, und nach einer Unzahl von Partizipialkonstruktionen, Nebensätzen, Parenthesen (Einschüben), Appositionen (Beifügungen) und nach dem notwendigen Umblättern findet man schließlich in der Mitte der nächsten Seite das Präfix „ab“, eine abgetrennte Vorsilbe, die nicht vor dem Verb, sondern irgendwo hinten im Unendlichen gelandet ist. Es handelt sich dann um einen typisch deutschen Schachtelsatz. Es gab Kollegen im Boulevard (Straßenverkauf), bei denen durfte ein Satz höchstens fünf Wörter zählen. Doch eine solche homöopathische ­Stilistik klingt wie ein Klavier mit nur einer Oktave.

Vor allem scheiterte Mark Twain aber an der Deklination (Beugung) der Adjektive (Eigenschaftswörter). Im Englischen heißt es „red roses“ bzw. „the red roses“ – „red“ bleibt „red“. Im Deutschen jedoch müssen wir uns die Adjektive zurechtdeklinieren. Was passiert dort? Nehmen wir die attributive Fügung „der helle Tag“. Die Eigenschaft „hell“ wird schwach dekliniert. Sie folgt dem Sub­stantiv (Hauptwort) „Tag“ durch die ­Kasus (Fälle) bis in den Plural (Mehrzahl): die hellen Tage. Dabei kommt es auf das Geschlecht des Substantivs an, etwa im Akkusativ (4. Fall): Er begrüßte den „hellen“ Tag, später die „helle“ Nacht und das „helle“ Licht.

Wer nun glaubt, mit Genus, Kasus und Numerus (Zahlform) sei es getan, der täuscht sich. Es ist nämlich entscheidend, ob ein bestimmtes (der, die, das) oder ein unbestimmtes (ein, eine, ein) Artikelwort im Spiel ist. Es heißt „der helle Tag“, aber „ein heller Tag“ – aus der schwachen Form „helle“ wird die starke Form „heller“, und zwar nur deshalb, weil der bestimmte Artikel „der“ gegen den unbestimmten Artikel „ein“ getauscht worden ist. Sie werden zugeben, dass das ein wenig verwirrend für einen amerikanischen Touristen sein muss.

Ein Adjektiv ohne vorausgehendes Artikelwort wird immer stark dekliniert: „Heller“ Tag am Nordpol (stark), aber: Der „helle“ Tag am Nordpol (schwach) oder: Die „hellen“ Tage am Nordpol (Plural, schwach). Es gibt jedoch unbestimmte Zahlwörter und Pronomen, die machen das Schwache wieder stark: ­„Einige“ helle Tage am Nordpol (stark). Das hängt davon ab, ob die vorausgehenden Artikelwörter die grammatische Kennzeichnung von Genus, Numerus und Kasus übernehmen können oder, wenn sie beispielsweise endungslos sind, ob das Adjektiv diese Funktion übernehmen muss.

Falls Sie nun die Nase von den ­Adjektiven noch nicht voll haben, hätte ich Ihnen gern beim nächsten Mal erklärt, ob Inge ein rosa oder ein rosanes Kleid anhatte und einen lila oder lilanen Schal trug.

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