Kolumne „Deutschstunde“

Man darf ein Wort nicht immer wörtlich nehmen

Nicht jedes Fleisch kommt auf den Tisch, nicht jeder Kegel ist ein Spielzeug, und nicht jeder Ausdruck lässt sich zerlegen.

Peter Schmachthagen  schreibt hier wöchentlich über die Tücken der deutschen Sprache.

Peter Schmachthagen schreibt hier wöchentlich über die Tücken der deutschen Sprache.

Foto: dpa/ Klaus Bodig

Eine Leserin nahm es erst genau und dann übel. Irgendwo stand etwas von „eingefleischten“ Vegetariern. Die Zuordnung von Fleisch als Eigenschaft im Eigenschaftswort (Adjektiv) zu Leuten, die aus Überzeugung und Weltanschauung das Fleisch meiden wie der Teufel das Weihwasser, sei eine Beleidigung, meinte die Dame empört. Ich atmete durch und versuchte, die Passage in Richtung Etymologie (Wortgeschichte) und Semantik (Wortbedeutung) zu ergründen.

Es ist immer gefährlich, einzelne Wörter, die eine Gesamtbedeutung haben, in ihre Einzelteile zu zerlegen und das Bruchstück allein auf die Anklagebank zu setzen. Das Eigenschaftswort „eingefleischt“ hat mit einem Fleischgericht nämlich genauso wenig zu tun wie der Karfreitag mit der Currywurst in der Kantine.

Seit dem 16. Jahrhundert ist „eingefleischt“ als Lehnsübersetzung aus lat. incarnatus (Mensch geworden) im Gebrauch. Bereits im Mittelhochdeutschen existierte das Wort invleischunge für die Fleischwerdung, für die Inkarnation Christi. Man sieht, wir bewegen uns auf dem Niveau der christlichen Erlösung und weit weg vom Fleischer mit seinem Hackebeil. In seiner heutigen Bedeutung versteht man das Adjektiv „eingefleischt“ als „überzeugt, zur zweiten Natur geworden, unbekehrbar, eingewurzelt“ oder, um doch ein bisschen Fleisch beizugeben, als „in Fleisch und Blut übergegangen“. Es gibt eingefleischte Junggesellen, die ihr Lebtag einen weiten Bogen um das Standesamt machen, oder bis vor Kurzem auch eingefleischte Fußballfans, die das Spiel und nicht den Spielabbruch liebten. In diesem Sinne mag es auch eingefleischte Vegetarier geben, die ihre „Hackbällchen“ eher aus Erbsen bereiten, als ein Schwein zu schlachten.

Warum schreibt die Zeitung, um Missverständnisse zu vermeiden, nicht gleich „überzeugte Vegetarier“? Ich weiß es nicht. Da der Kontext der Passage den üblichen stilistischen Rückzug für einen misslungenen Auftritt von Moderatoren und Kinderchören nicht zuließ, nämlich das Ganze zur Satire zu erklären, versuchte ich es mit der Stilfigur der Contradictio in Adjecto (Widerspruch im Hinzugefügten).

Der Widerspruch entsteht durch das einem Substantiv beigefügte Adjektiv, weil es mit der Bedeutung des Substantivs unvereinbar ist, etwa schwarzer Schimmel, armer Krösus oder bittere Süße. Bevor wir nun auch die Fügung „eingefleischte Vegetarier“ zur bloßen Stilfigur erklären, brechen wir besser ab und greifen selbst bei gutem Appetit zur Currywurst mit Pommes frites.

Wir sprechen häufig erstarrte rhetorischen Formeln nach, ohne genau zu wissen, was sie ursprünglich bedeutet haben. Opa schaut aus dem Fenster und ruft erschrocken aus: „Tante Frieda biegt mit Kind und Kegel um die Ecke!“ Oma versteht, dass Tante Frieda sich mit allen Kindern nähert, und versteckt schnell die Schokoladenkekse. Aber warum bringt die Verwandtschaft ein Kegelspiel mit? Das tut sie nicht. Der nur noch in der Formel „Kind und Kegel“ gebräuchliche Ausdruck bedeutete früher zwar auch ein Kind, aber ein uneheliches. Was wir heute als Diskriminierung betrachten würden, war damals durch die Gesellschaft streng getrennt.

Opa gebrauchte den Ausdruck jedoch, weil er so leicht von der Zunge ging. „Kind“ und „Kegel“ beginnen mit dem gleichen Buchstaben. Wir haben es also mit einem Anlautreim zu tun. Warum geht das Schiff mit Mann und Maus unter und nicht mit Mann und Ratten? Warum trotzen wir Wind und Wetter und nicht Wind und Regen? Weil der gleiche Anlaut wie von allein gesprochen werden kann. Der gleiche Anlaut der betonten Silben aufeinanderfolgender Wörter ist ein Stabreim, der als Fachbegriff Alliteration heißt.

Ich hatte mir gerade ein Beispiel ausgedacht, es aber wieder gelöscht. Es klang altgermanisch und nach Wagner, es fehlte aber Richard Wagners betörende Musik.

deutschstunde@t-online.de