Kolumne „Deutschstunde“

Bei einem Willkommen ist man stets willkommen

E-Mails, Blogs und immer wieder die gleichen Fragen geistern durch die deutsche Sprache. Ist der Bindestrich reif fürs Museum?

Deutschstunde mit Peter Schmachthagen

Deutschstunde mit Peter Schmachthagen

Foto: dpa/ Klaus Bodig

Das ist ja eigenartig!, sagte Frau Bolle nach der Zeitungslektüre am Frühstückstisch, dass gerade immer so viel in der Welt passiert, dass die Zeitung genau bis zur letzten Zeile auf der letzten Seite voll wird. Nun, das Weltgeschehen wird von den Kolleginnen und Kollegen je nach Umfang gestreckt oder eingedampft, bis es in die Ausgabe passt. Es kann schon einmal passieren, dass ein Aufmacher während der Produktion zum Einspalter schrumpft, wenn eine neu ­hereinkommende Topmeldung wie das Attentat von Hanau alle anderen Nachrichten relativiert.

Meine Kolumne an dieser Stelle hat zumindest einen Vorteil und eine ­Konstante: jedes Mal eine feste Länge, genau 114 Zeilen Text im Manuskript. Das reicht, um einige Beispiele aus dem schier unerschöpflichen Vorrat der deutschen Rechtschreibung, Grammatik und Stilistik zu erörtern, ist aber viel zu kurz, um sämtliche Ausnahmen, Möglichkeiten und Schreibweisen aufzuführen.

Auf meine Empfehlung, „Guten Tag“ oder „Auf Wiedersehen sagen“ großzuschreiben, kam von mehreren Seiten die Frage: Und wie ist es mit „herzlich willkommen“? Oder „Herzlich willkommen“ oder gar „Herzlich Willkommen“? In dieser Formulierung ist „willkommen“ ein Adjektiv und wird demnach kleingeschrieben: Sei mir „herzlich willkommen“ (wie?). Wenn wir den Begriff jedoch substantivieren, also mit einem bestimmten oder unbestimmten Artikel versehen, wird er zum Hauptwort, und Hauptwörter schreibt man groß: Er bereitete ihm „ein herzliches Willkommen“ (was?).

Ich will mich ja nicht drücken, aber ich bin Autor und keine Sprachberatung. Richtig professionelle Beratung bekommt man beim Duden in Berlin. Zu den am häufigsten gestellten Fragen gehört auch dort die Frage nach dem Willkommen, wie wir einem Newsletter entnehmen können (wobei „Newsletter“ ­sicherlich ein überaus „urdeutscher“ Ausdruck für einen Rundbrief der Gralshüter der deutschen Sprache ist …).

Weitere häufig gestellte Fragen: Heißt es „am Ende diesen Jahres“ oder „dieses Jahres“? Am Ende „dieses“ Jahres. „G 20-Gipfel“ oder „G-20-Gipfel“? Bitte durchkoppeln: G-20-Gipfel, obwohl sich derjenige, der heutzutage noch Wert auf das korrekte Setzen von Bindestrichen legt, leicht im Museum neben Sütterlin, Fraktur, Vatermörder und Sisyphus wiederfinden könnte.

Schreibt man „email“, „e-Mail“ oder „E-Mail“? Richtig ist nur E-Mail, und zwar „die“ E-Mail, Femininum! Der Artikel von Blog, „der“ oder „das“, bleibt ungeklärt, was angesichts des Niveaus der meisten dieser Webseiten auch ziemlich egal ist.

„Ist“ es oder „sind“ es zwei Jahre her? Es „ist“ zwei Jahre her. Schreibt man in der Briefanschrift „Herr“ oder „Herrn“ Max Mustermann? Immer noch Akkusativ mit gedachtem „An“: „Herrn“ Max Mustermann.

Lesen wir den neuen Roman des ­bekannten „Autoren“ oder „Autors“? Das Substantiv „der Autor“ (auch „der Major“) wird im Singular stark, nicht schwach dekliniert. Es heißt also „des Autors, dem Autor, den Autor“, nicht: „des Autoren, dem Autoren, den Autoren“. Die Komposita (Zusammensetzungen) mit „Autor“ als Erstglied sind fast ausschließlich mit dem Fugenzeichen -en- gebräuchlich. Es heißt: Autorenverzeichnis, Autorenverband, Autorenregister, Autorenlesung, Autorenexemplar, Autorenhonorar, auch Autorenkorrektur.

Da wir gerade dabei sind: Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass man den Motor auf der ersten oder auf der zweiten Silbe betonen kann? Das führt zu einer schwachen und zu einer starken Pluralform. Der schwache Plural „die Motoren“ gehört ursprünglich zu dem Singular „Motor“ mit der Betonung auf der ersten Silbe. Der starke Plural „die Motore“ ist dem Singular „Motor“ mit der Betonung auf der zweiten Silbe zugeordnet. Beide Betonungen und beide Pluralformen sind korrekt.

Kontakt: deutschstunde@t-online.de