Deutschstunde

Was Rumpelstilzchen und das Mädchen vereint

Beide sind in der Grammatik Verkleinerungen und zudem sächlichen Geschlechts. Ein -chen oder -lein macht Wörter klein.

Peter Schmachthagen schreibt über die Tücken der deutschen Sprache.

Peter Schmachthagen schreibt über die Tücken der deutschen Sprache.

Foto: dpa/ Klaus Bodig

Welches Geschlecht hat eigentlich Rumpelstilzchen? Sie kennen alle diesen bösen Kobold aus dem Märchen, der ein mit seiner Hilfe zur Königin gewordenes Mädchen so lange erpresst, bis es (das Mädchen) ihm (dem Kobold) seinen Namen (des Kobolds) nennen kann. Wer das Märchen nicht im Kopf hat, wird bei dieser Aussage unsicher, denn die Phrase „seinen Namen“ könnte sich auch auf das Mädchen beziehen. Das Rumpelstilzchen ist die Verkleinerungsform (Diminutiv) vom veralteten Hauptwort „Stülz“ (Hinkender). Alle Diminutive auf -chen oder -lein sind in grammatischer Hinsicht Neutra, sind also weder männlich (Maskulina) noch weiblich (Feminina), sondern keines von beiden (lat. neuter). Sie sind sächlich, eben Neutra.

Allerdings endet auch das Mädchen, eine Verkleinerung zu der Magd, auf -chen und ist demnach ebenfalls ein Neutrum – sprachwissenschaftlich betrachtet. Die grammatische Kongruenz (Übereinstimmung) erfordert es, dass auch Pronomen (Fürwörter), die sich auf Verkleinerungsformen beziehen, neutral sind. Es heißt: Das Mädchen weinte und trocknete seine (nicht: ihre) Tränen. Es (nicht: sie) flehte Rumpelstilzchen an. Kompliziert wird die Syntax (der Satzbau), weil auch das Rumpelstilzchen ein Neutrum ist. Wenn wir die Namen jeweils durch Fürwörter (pro nomen) aufnehmen, gerat der Kontext durcheinander, und niemand weiß schließlich, wer gemeint ist. Trotzdem muss es erlaubt sein, in einer Sprachkolumne die hochsprachliche Grammatik zu benutzen.

In der Umgangssprache wählen wir häufig die semantische Kongruenz, indem wir die Semantik, die Bedeutung eines Wortes oder eines Satzes, nicht auf die Grammatik, sondern auf die Biologie beziehen. Ein Mädchen ist zweifelsohne weiblichen Geschlechts, grammatisch gesehen aber ein Neutrum. Das arme Wesen leidet unter der Diskrepanz zwischen natürlichem Geschlecht (Sexus) und grammatischem Geschlecht (Genus), und noch mehr leiden die Leser, wenn dieser Unterschied einmal wieder in der Zeitung missachtet worden ist. Eine Dame teilte mit, nach der Lektüre des Blattes habe sie in dieser Hinsicht jetzt alle Hoffnung fahren lassen. Ich mailte zurück, sie möge um Himmels willen nicht mit dem Duden in der Hand aus dem vierten Stock springen, denn so einfach lägen die Dinge nicht.

Da es sich bei dem Mädchen um eine weibliche Person handelt (falls es nicht unter die Genderstern-gesteuerte Multisexualität gefallen ist), kann es mit einer femininen Form präzisiert werden: Das Mädchen ist eine gute Schülerin. Bei Relativsätzen gilt allerdings das grammatische Geschlecht: Das Mädchen, das (nicht: die) die Blumen überreichte. Beim persönlichen Fürwort (Personalpronomen) sowie beim besitzanzeigenden Fürwort (Possessiv) ist das Femininum wie das Neutrum möglich: Das Mädchen geht jetzt in die Schule. Es/Sie ist eine gute Schülerin. Die feminine Form wird heutzutage bevorzugt, sobald das Pronomen weiter entfernt steht: Das Mädchen fand schnell Freundinnen. Besonders bemühte sie (hier nicht: es) sich um ihre (hier nicht: seine) Banknachbarin.

Das Neutrum gilt sogar für Eigennamen wie Klein Fritzchen: „Es“ wächst, nicht „er“, wie ich in einer Kolumne geschrieben habe. Das war grammatisch richtig. Der Alte Fritz, der in Potsdam Flöte spielt und seine Hunde mehr liebt als die Menschen, ist männlich, Maskulinum, das kleine Fritzchen, das sich in der Schule mühsam durch die Grammatik kämpft, ist dagegen sächlich, Neu­trum. Als ob die Form des Diminutivs noch nicht reichte, wird häufig das Eigenschaftswort „klein“ zur Verdeutlichung beigefügt: das kleine Häuschen, ein kleines Bübchen, mein kleines Mäuschen. Solche Zusätze werden meist geduldet. Jeder Sprecher oder Schreiber muss das Recht haben, seine Rede oder seinen Text auszuschmücken, damit das Deutsche nicht gar so schlicht daherkommt.