Deutschstunde

Wenn die Tageszeiten in den Duden geraten

Oder der Unterschied zwischen „gestern Morgen“ und „gestern früh“. Nicht nur im Norden sagt man Tschüs mit langem „ü“ und einem „s“.

Deutschstunde mit Peter Schmachthagen

Deutschstunde mit Peter Schmachthagen

Foto: dpa/ Klaus Bodig

Berlin. Der Abend bezeichnet den Zeitabschnitt eines jeden Tages, der amtlich nicht auf die Minute genau festgelegt ist, der aber zwischen dem Nachmittag und der Nacht liegt. Das Wort wird als Substantiv großgeschrieben: ein sommerlicher Abend, es wird Abend, gegen Abend, der freie Abend, ein bunter Abend im Fernsehen oder mit lyrischem Anklang: Der Wind weht von Abend her. Heute sagt man weniger romantisch: Wir haben Westwind.

Wenn der Abend kein Hauptwort wäre, sondern ein Adverb, würde er wie alle Adverbien kleingeschrieben, also: Gestern „abend“ waren wir im Kino. So schrieb man jahrzehntelang, doch das änderte sich mit der Rechtschreibreform. Die Bezeichnung von Tageszeiten nach Adverbien wie gestern, heute oder morgen werden seit 1996 als Substantive angesehen und großgeschrieben: heute Morgen, gestern Abend, vorgestern Nacht, morgen Mittag, übermorgen Vormittag.

Die laute Kritik an dieser Neuerung war unüberlegt, denn genau genommen handelte es sich bereits damals bei den Tageszeiten um keine Adverbien, sondern um Substantive. Schrieb man „gestern am Abend“, so musste der Abend bereits vor der Reform großgeschrieben werden. Es entbehrt jeder grammatischen Logik, den Abend als Wortart abzustufen, sobald die Präposition „am“ wegfällt. Also bleibt es jetzt in jeder Form als „gestern [am] Abend“ bei der Großschreibung, was natürlich nicht nur für den Abend, sondern für alle Tageszeiten gilt.

Nun stellt sich die Frage, ob es „heute Früh“ oder „heute früh“ heißt. Ist „die Früh“ eine Tageszeit, oder handelt es sich bei „früh“ ausschließlich um ein kleinzuschreibendes Adjektiv? Können sich die Regelwächter nicht einigen, macht man es wie in der Politik: Man schließt einen Kompromiss. Der lautet: In Österreich schreibt man „Früh“ groß, in Deutschland „früh“ meist klein.

Hängt hingegen an den Tageszeiten ein kleines -s, so sind die Substantive eindeutig zu Adverbien geworden und werden kleingeschrieben. morgens, abends, mittags, nachts; von morgens bis abends, sie geht abends häufig aus, dienstags abends. Wenn ein Wochentag mit einer Tageszeit gekoppelt wird, schreibt man zusammen: Am Sonntagabend läuft meistens ein „Tatort“ im Ersten. Bis 1996 hieß es ebenfalls „am Sonntagabend“, aber nur, wenn es sich um jeden Sonntagabend handelte, jedoch „Sonntag abend“, falls ein bestimmter Sonntag gemeint war: „Am Sonntag abend feiert meine Schwiegermutter ihren 50. Geburtstag.“ Auch an dieser Stelle ist die neue Rechtschreibung einheitlicher und damit einfacher geworden.

Guten Morgen wünschen, aber einen guten Morgen wünschen

Abends kommt Klein Susi, frisch gebadet und mit ihrem Kuschelteddy im Arm, immer ins Wohnzimmer, um Gute Nacht zu sagen. Es wird empfohlen, die Grüße und Wünsche, die man sagt, wie einen Eigennamen großzuschreiben: Gute Nacht sagen, Auf Wiedersehen sagen, Guten Tag sagen, Ade sagen, auch: Ja sagen, Nein sagen, Guten Morgen wünschen (aber: einen guten Morgen wünschen) und Tschüs sagen.

Heutzutage versteht man in ganz Deutschland den Abschiedsgruß Tschüs! der so schön kurz und prägnant ist. Ursprünglich war er vor allem im Norden und gerade in den Hafenstädten zu hören. Fremde Seeleute gebrauchten das spanische adiós (lat. ad deum – Gott befohlen, span. a diós – zu Gott). Auf Französisch hieß es adieu und wie viele französische Ausdrücke wurde er während der Franzosenzeit ins Plattdeutsche verballhornt. Man verabschiedete sich erst nachäffend, dann ohne bewussten Bezug zum Ursprung mit „Atjüüs“. Dieser Ausdruck schliff sich zu einem einfachen „Tschüüs“ bzw. zur Interjektion tschüs! ab, die wir nach neuer Rechtschreibung großschreiben (Tschüs sagen), die wir mit langem „ü“ sprechen und die wir etymologisch korrekt schon immer mit einem einfachen Schluss-s geschrieben haben.

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