Deutschstunde

Wer auf dem Kopf steht, der steht kopf

Groß oder klein, zusammen oder getrennt – die Schreibweise der Partikelverben ist schwieriger als eine Schachpartie.

Deutschstunde mit Peter Schmachthagen

Deutschstunde mit Peter Schmachthagen

Foto: dpa/ Klaus Bodig

Es gibt sprachliche Fundsachen, bei denen glaubt man auf den ersten Blick gar nicht, dass sie so abgedruckt worden sind. Eine Leserin schreibt: „Das Wort ‚wertschätzen‘ – obwohl ein sehr schönes Wort – wird in letzter Zeit ja fast inflationär verwendet. Dabei halte ich folgende Beugung für falsch: die Arbeit wurde ‚gewertschätzt‘ statt die Arbeit wurde ‚wertgeschätzt‘. Ich kann das grammatisch nicht begründen, aber Sie können es bestimmt.“

Es stellte sich heraus, dass es sich um ein wörtliches Zitat handelte, und die zuständige Redaktion entschied sich, das in Anführung stehende Zitat nicht grammatisch nachzubessern. Natürlich hätte es „wertgeschätzt“ heißen müssen. „Wertschätzen“ ist ein zusammengesetztes Verb aus der Grundform „schätzen“ und dem verblassten und nun kleingeschriebenen Hauptwort „wert“. Dieses Partikelverb ist „unfest“. Sein erster Teil kann bei entsprechender Syntax (Satzbau) abgetrennt und irgendwo hinten im Satz platziert werden, etwa: Sie schätzte ihn als Freund wert. Das Wort hat eine Sollbruchstelle zwischen „wert“ und „schätzen“, und in diese Fuge kommt bei Bedarf der Partizip-Marker ge-, der zu
„ge-schätzt“ gehört und nicht zu
„ge-wert“. Also hat sie den Freund stets wert-ge-schätzt. Das ist wie beim Kopfstehen, dessen Tätigkeitswort „kopfstehen“ aus dem Verb „stehen“ und dem abgestuften und nun kleingeschriebenen „kopf“ zusammengesetzt ist: Er steht kopf. Fritzchen hat kopf-ge-standen. Selbst wenn er noch so geschickt auf dem Kopf balanciert, steht er kopf mit kleinem „k“. Die meisten Verbzusammensetzungen sind unfest, auch die Präfixverben mit einfachen Vorsilben: Die Schwiegermutter „reiste ab“. Endlich ist sie ab-ge-reist.

Wenn es unfeste Verben gibt, wird es womöglich auch feste Verben geben? In der Tat! Feste Verben haben keine Bruchstelle, sondern halten auf Biegen und Brechen zusammen, etwa bei „schlussfolgern“ oder „brandmarken“. Er „folgert“ nicht „schluss“, sondern er schlussfolgert und hat ge-schlussfolgert. Um es banal auszudrücken: Weil bei festen Verben die Fuge nicht aufzubrechen ist, rutscht das Partizipzeichen ge- an den Anfang des Wortes. Auch: Er war für immer als Verbrecher ge-brandmarkt.

Das Verb „bergsteigen“ ist ein Sonderfall, bei dem hochsprachlich nur der Infinitiv (die Grundform) gebraucht werden sollte, die mit Modalverben „abgetönt“ wird: Im Urlaub möchte ich bergsteigen; er konnte in den Alpen bergsteigen. „berg-“ darf nicht wie eine Verbpartikel allein stehen. Beim Infinitiv und beim Partizip Perfekt wird heute aber die Partikel „zu“ bzw. das Präfix „ge-“ wie bei einem Partikelverb eingeschoben: In meiner Jugend bin ich auch berg-ge-stiegen; wir fahren nach Tirol, um berg-zu-steigen.

Eine der häufigsten Fragen an die Sprachberatung lautet: Heißt es
„down-ge-loadet“ oder „ge-downloadet“? Es heißt downgeloadet. Ich spüre bereits die Proteste von Lesern, die sagen, auf gut Deutsch sage man besser „heruntergeladen“. Das ist richtig, doch häufig lassen sich in der globalen Technik globale Bezeichnungen nicht vermeiden. Wer den Begriff „Cloud“ (Speichernetzwerk außerhalb des eigenen PC) im besten Schulenglisch mit „Wolke“ übersetzt, läuft in Gefahr, statt auf der Computerseite unter dem Wetterbericht zu landen.

Oft ist unsicher, ob Partikelverben zusammen- oder getrennt bzw. groß- oder kleingeschrieben werden. Als Faustregel bei substantivischen (hauptwörtlichen) Erstbestandteilen kann dem Amtlichen Regelwerk entnommen werden: Wenn eindeutig eine idiomatisierte (worteinheitliche) Gesamtbedeutung besteht, wird zusammengeschrieben (kopfstehen, eislaufen, leidtun, standhalten), wenn das eindeutig nicht der Fall ist, wird getrennt geschrieben (Rad fahren, Maschine schreiben, Zeitung lesen), wenn es schwer zu entscheiden ist, ist beides möglich (Staub saugen/staubsaugen, Brust schwimmen/brustschwimmen).

deutschstunde@t-online.de