Deutschstunde

Eine rote Karte ist nur ein Stück Karton

Doch die „Rote Karte“ beim Fußball kann recht unangenehm sein. Was unterscheidet die „beiden Ersten“ von den „ersten beiden“?

Deutschstunde mit Peter Schmachthagen

Deutschstunde mit Peter Schmachthagen

Foto: dpa/ Klaus Bodig

Als jemand, der in der „Deutschstunde“ schon manchen sprachlichen Stolperstein erklärt hat, freue ich mich, dass die Wünsche zum neuen Jahr – bis auf wenige Ausnahmen – das „neue“ Jahr mit kleinem „n“ angesprochen haben. Sie wissen, dass Adjektive (Eigenschaftswörter) in der Regel kleingeschrieben werden: das neue Auto, das schöne Wetter, der alte Baum, das hohe Haus. Nur wenn die Verbindung aus Adjektiv und Sub­stantiv (Hauptwort) ein Unikat bezeichnet, also eine Verbindung für eine Sache, eine Person oder eine Bedeutung, die nur einmal vorkommt, wird das Adjektiv großgeschrieben. Das „Hohe Haus“ mit großem „H“ misst nicht die Höhe der vielen Berliner Hochhäuser, sondern ist ein Synonym (sinnverwandtes Wort) für eine bestimmte konstitutionelle oder parlamentarische Einrichtung. Wenn die Bundeskanzlerin im Bundestag sagt: „Hier in diesem Hohen Haus …“, so meint sie das deutsche Parlament und nicht die Höhe des Reichstagsgebäudes über dem Meeresspiegel.

Ein neues Jahr ist kein Unikat und wird demnach nicht großgeschrieben. Neue Jahre gibt es immer wieder. Sie sagen ja auch nicht: Nachdem das „Alte“ Jahr zu Ende gegangen ist, sondern schreiben das alte Jahr klein. Wer nun meint, das Jahr 2020 sei ein Unikat, weil es das Jahr 2020 nur einmal geben werde, dem schlage ich folgende Formulierung vor: „Für das Jahr 2020 wünsche ich Ihnen alles Gute!“

Das Adjektiv „gut“ ist an dieser Stelle substantiviert, also zum Hauptwort gemacht worden, und Hauptwörter schreiben wir immer groß. Falls Sie in Ihren Neujahrsgrüßen unbedingt ein großes „N“ unterbringen wollen, gibt es einen Ausweg. Schreiben Sie: „Auf ein Neues im neuen Jahr!“ Das „Neue“ ist eine Substantivierung, ein Adjektiv, das zum Hauptwort geworden ist.

Manchmal ist es gar nicht so einfach zu unterscheiden, ob es sich um ein Unikat handelt oder nicht. Eine rote Karte ist zu allererst einmal ein Stück Karton, der rot ist. Wenn der Schiedsrichter Mats Hummels aber die „Rote Karte“ vor die Nase hält, bekommt der Karton eine ganz spezielle, als Spielregel einmalige Bedeutung: Der Spieler wird des Feldes verwiesen und darf nicht mehr mitmachen. Das ist wie beim „westfälischen“ Schinken, der tausendfach in den Supermärkten ausliegt, aber anders als bei dem „Westfälischen Frieden“, der ein einmaliges, bestimmtes Ereignis des Jahres 1648 war und einen bestimmten Krieg beendete, nämlich den „Dreißigjährigen Krieg“ mit großem „D“. Übrigens: „Holsteiner“ Katenschinken schreibt man nicht groß, weil es sich um ein Unikat handelt, sondern weil geografische Bezeichnungen auf -er immer großgeschrieben werden.

An diese Stelle erwarte ich stets den Einwand, dass die „Gemeine Stubenfliege“ großgeschrieben werden soll, obwohl es zig Tausende davon gibt, es sich also um kein Unikat handeln könne. Unikat ist nicht die einzelne gemeine Fliege, die auf meiner Nase landet oder penetrant über den Bildschirm krabbelt, sondern die Art „Gemeine Stubenfliege“. „Gemein“ bedeutet hier nicht „unanständig“, sondern „keine besonderen Merkmale habend“.

Wenn ich an einer Unfallstelle erste, nämlich sofortige Hilfe leiste, und dann kommen andere Helfer hinzu, so wird „erste Hilfe“ als einfaches Zahlwort kleingeschrieben. Wir zählen die Ankunft der Helfer durch. Doch die Tätigkeit, die in Kursen gelehrt wird, ist die „Erste Hilfe“ mir großem „E“. Wenn die Ordnungszahl etwas Singuläres bezeichnet, wird großgeschrieben. Die „ersten beiden“ in der Riege (das erste und zweite Glied einer Gruppe) schreibt man klein, aber die „beiden Ersten“ (von zwei Gruppen das jeweils erste Glied) werden großgeschrieben. Groß schreibt man auch die Unikate der „Erste Weltkrieg“, der „Erste Geiger“ (Konzertmeister), die „Erste Bundesliga“ (oberste Spielklasse), die „Erste Staatsanwältin“ (Amtsbezeichnung) und den „Ersten Mai“ als Feiertag.

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