Deutschstunde

Oma wird im Alter ein bisschen schwierig

Es ist im Deutschen sowohl schwer als auch schwierig, den Unterschied zwischen „schwer“ und „schwierig“ zu ergründen.

Deutschstunde mit Peter Schmachthagen

Deutschstunde mit Peter Schmachthagen

Foto: dpa/ Klaus Bodig

Berlin. In 60 Jahren als Journalist habe ich für meine Veröffentlichungen schon mancherlei Reaktionen erlebt – Lob, Tadel, Anfeindungen, aber noch nie eine solche Resonanz und Zustimmung wie für diese Kolumnen über die Fallen und Erscheinungsformen der deutschen Sprache. Die Morgenpost-Leser beschäftigen sich mit ihrer Muttersprache, und sie haben viele Fragen und Anregungen. Eine Leserin schreibt: „Heute möchte ich Ihnen einen Vorschlag unterbreiten: Können Sie sich nicht einmal den beiden Wörtern ‚schwer‘ und ‚schwierig‘ widmen? Fast alle Moderatoren im Fernsehen und Radio kennen den Unterschied nicht. Für sie ist meist alles nur schwer, obwohl es schwierig heißen müsste.“

Die Antwort ist schwer. Oder schwierig? In diesem Fall wäre beides möglich. Häufig sind „schwer“ und „schwierig“ gleichbedeutend. Eine schwere Aufgabe kann genauso kompliziert und schweißtreibend sein wie eine schwierige Aufgabe. Vielen Menschen fällt es schwer, hier eine Unterscheidung zu treffen. Sie müssen es auch gar nicht.

Mein alter Direktor sah es anders: „Ein Problem hat keine Masse. Daher kann es nicht schwer oder leicht, sondern nur schwierig oder einfach sein!“ Aber was ist mit schwer erziehbaren Kindern? Die müssen nicht dick sein, obwohl es schwierig werden könnte, sie von Pommes frites und Schokoriegeln fernzuhalten. Damit macht der Nachwuchs seinen Eltern das Leben schwer, die mit dieser schwierigen Aufgabe zunehmend überfordert sind.

Das Adjektiv „schwer“ wird der Einfachheit halber gern mit „großem Gewicht“ in Verbindung gebracht (ahd. swär). Wir rufen nach einer Waage. Wie viel wiegt jedoch eine schwerwiegende Entscheidung? Die kann den Lebensweg bestimmen, lässt sich aber nicht in Gramm oder Kilo ausdrücken. Das Adjektiv „schwierig“ kommt vom mhd. „swerig“ für „voller Schwären, eitrig, kompliziert wie eine schwärende Wunde“. Da wir heutzutage aber nicht pausenlos mit einem etymologischen Wörterbuch unter dem Arm herumlaufen können, ist es neuhochdeutsch an „schwer“ angelehnt.

Es gibt allerdings Sätze, in denen wir die beiden Adjektive streng trennen müssen. Ein schwerer Kopf nach Silvester (Brummschädel) ist etwas anderes als ein schwieriger Kopf (komplizierter Zeitgenosse). Oma wird im Alter von Jahr zu Jahr schwieriger (eigenbrötlerischer), aber nicht schwerer, denn sie nimmt stetig ab und ist nur noch Haut und Knochen. Klein Gustav hingegen wird sowohl immer schwieriger, was mit Internet, Schulstreik und Facebook zu tun hat, als auch immer schwerer, denn er wächst.

Bei „schwer“ liegt in vielen Fällen ein eher emotional gefärbter Grund vor. Der Tod seiner Frau war für ihn schwer zu verkraften. Dieser Kummer lag ihm schwer auf der Seele. Die schwierige Situation ließ den Mann fast vergessen, dass das Leben weitergehen musste.

Es gibt viele Überschneidungen. „Schwierig“ kann man in den meisten Fällen durch „schwer“ ersetzen. Aber nicht immer. Meine Aufgabe ist schwierig. Ein Trecker nicht. Der ist nur schwer. Man sieht, beim Deutschen handelt es sich um eine schwierige Angelegenheit, bei der es häufig weniger um feste Regeln als um das Sprachgefühl geht. Schwierig, obwohl wir sagen: Deutsche Sprache – schwere Sprache. Übrigens: Der Duden hält sich heraus. Er gibt keine Hilfe bei der Unterscheidung zwischen „schwer“ und „schwierig“.

Journalisten schreiben für den Tag (frz. „le jour“ – der Tag). Sie können ihre Texte in den meisten Fällen jedoch nachlesen und korrigieren lassen. Die Reporter am Mikrofon im Stadion oder am Tatort haben diese Gnadenfrist nicht. Was sie sagen und formulieren, geht ohne Verzug auf Sendung. Deshalb wollen wir darüber hinwegsehen, wenn ein „mutmaßlicher Verdächtiger“ ausgemacht wird oder ein Fußballspieler in 90 Minuten 120 km gelaufen sein soll.

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