Deutschstunde

Eine einzige Gans reicht zum Gänsebraten

Die Erkenntnis, dass ein vermeintlicher Plural gar kein Plural ist, und der Versuch, etwas Festliches in eine Sprachkolumne zu bringen.

Deutschstunde mit Peter Schmachthagen

Deutschstunde mit Peter Schmachthagen

Foto: dpa/ Klaus Bodig

Berlin. Auch Journalisten haben Weihnachten gefeiert – falls sie noch die Kraft dazu hatten nach der Anstrengung, den Lesern zum Fest etwas Besonderes zu bieten, wobei das, was aktuell in aller Welt geschieht, vorher nicht geplant werden kann und häufig im letzten Augenblick die Produktion durcheinanderwirbelt. Doch es wäre ungerecht, den Blick nur auf die eigene Tätigkeit zu richten. Auch andere Berufsgruppen mussten einen Endspurt hinlegen. Die Verkäufer zum Beispiel.

Ich kenne das aus eigener Erfahrung. In den Fünfzigerjahren, als man die Bücher noch im Laden und nicht im Internet kaufte, betrieb mein Vater eine Buchhandlung in Schleswig-Holstein, die am 24. Dezember überlaufen war, und zwar hauptsächlich von Gutsbesitzern und Landwirten aus dem Umland, die Geschenke für die Nachbarn suchten. Als Schüler musste ich aushelfen und empfahl vor allem Bildbände über Pferde und Reiter, etwa über Fritz Thiedemann auf Meteor in Klein Flottbek, was stets bestens ankam. Doch als mein Vater und ich um 14 Uhr erschöpft nach oben in die Wohnung wankten, hatte weder er noch ich einen Baum gekauft oder Geschenke für die Familie besorgt.

Als Chefredakteur einer Mittagszeitung in der Provinz musste ich während der Siebzigerjahre auch am 24. Dezember ein Blatt machen, was sich an diesem Tag jedes Mal als etwas schwierig herausstellte, wenn die örtlichen Anzeigenkunden die Setzerei fluteten, eine Flasche mit Hochprozentigem neben die Bleischiffe stellten und nach einem Blick auf die Konkurrenz ihre eigene Anzeige korrigiert haben wollten. In einem Jahr schaffte ich es nicht mehr, die bestellte Gans vom Wochenmarkt abzuholen und kam mit einem mageren Hühnchen nach Hause. Meine inzwischen verstorbene Frau sprach tagelang kein Wort mit mir.

Als Ruheständler geht es gemächlicher zu, doch heute ist Dienstag, und nicht einmal zu Silvester dürfe dienstags die „Deutschstunde“ ausfallen – meinen jedenfalls die Kolleginnen der Morgenpost. Allerdings solle sie den Tagen angemessen sein, also etwas vom Baum, Böllern und Gänsebraten enthalten. Aber wie schreibt man eine festliche Sprachkolumne? Regel Nummer eins: Heute kein Greta-Bashing, obwohl ich die obligatorischen vier Drohbriefe der letzten Wochen noch gar nicht gelöscht habe. Höhepunkt war der unverschämte Betreff einer grünen Dame: „Schuster, bleib bei deinen Leisten!“

Einen Leserbrief finde ich, der könnte in diese Zeit passen. Eine Leserin fragt, warum es „Gänsebraten“ heiße, obwohl sie nur eine einzige Gans im Backofen habe. Man könnte ergänzen: Warum heißt es Hundehütte, obwohl die Hütte nur von einem einzigen Hund bewohnt werden darf? Versuchen Sie einen zweiten Hund hineinzusetzen, gibt es Aufruhr und abgebissene Ohren.

Die Antwort mag überraschen. In diesen Fällen finden wir gar keinen Plural (Mehrzahl), sondern ein Fugenelement als Bindeglied zwischen dem Bestimmungswort und dem Grundwort eines Kompositums (einer Wortzusammensetzung). Die Semantik (Bedeutung) unterliegt der Morphologie (Formenlehre).

Beim „Gänsebraten“ handelt es sich also um die Umlautung vor dem Fugenelement -e-. In Süddeutschland sagt man „Gansbraten“, wir sprechen aber „Gans-e-braten“ mit Fugenelement und lauten um: „Gäns-e-braten“. Dabei war nach wie vor nur eine einzige Gans auf dem Tisch, die für alle Feiertage gereicht hat.

Als Fugenelement kennen Sie wahrscheinlich das berühmt-berüchtigte Fugen-s, das sich in keine Regel, sondern nur durch einige Erfahrungswerte fassen lässt (Schaf-stall, aber: Schaf-s-kleid; Werk-zeug, aber: Handwerk-s-zeug). Es gibt auch die Fugenelemente -en- (Held-en-mut) und -er- (Kind-er-garten). Wir haben es also nicht mit Flexionsendungen und deshalb auch mit keinen Pluralzeichen zu tun, sondern mit Bindegliedern, die wie Mörtel die Wortteile zusammenhalten.

Kontakt: deutschstunde@t-online.de