Deutschstunde

Eine vorwiegend überflüssige Wortverschmelzung

Der lange Kampf gegen das Adverb „nichtsdestotrotz“. Über Wörter, die unter uns sind, die angeblich aber gar nicht existieren dürfen.

Die Deutschstunde von Peter Schmachthagen.

Die Deutschstunde von Peter Schmachthagen.

Foto: dpa/ Klaus Bodig

Es gibt Leserbriefe im Hinblick auf die deutsche Sprache, die verblüffen mich. Ein Einsender aus Niedersachsen erklärt mir apodiktisch, das Wort „vorwiegend“ existiere gar nicht, „höchstens im Straßendeutsch und daher auch im Duden als falsche Verquickung“. Natürlich gibt es das Wort „vorwiegend“, und das vorwiegend unbeanstandet im deutschen Korpus. Der Leser hat es in seinem Brief ja gerade benutzt, und Google wirft in 0,26 Sekunden 13,6 Millionen Treffer aus – etwas viel für etwas, das nicht existiert.

Das Adverb „vorwiegend“ ist aus der Verquickung oder Verschmelzung von „vorherrschend“ und „überwiegend“ entstanden (insofern hat der Leser recht), aber das schon vor rund 200 Jahren. Ansonsten ist an dieser Wortkreuzung nicht das Geringste auszusetzen. Durch die Verschmelzung verschiedener Partner entsteht neues Leben. Das gilt für die Natur und für die Menschheit, das gilt aber auch für die deutsche Sprache.

Der sprachwissenschaftliche Fachbegriff für solche Verschmelzungen heißt übrigens „Kontamination“. In der Technik bedeutet Kontamination (atomare) Verschmutzung oder Verunreinigung. Aber von einer Verunreinigung der deutschen Sprache durch ganz normale Vorgänge der Wortbildung wollen wir nun wirklich nicht sprechen.

Das Wort „vorwiegend“ wird hochsprachlich ausschließlich als Adverb und nicht adjektivisch gebraucht: Morgen ist es vorwiegend heiter; die vorwiegend jugendlichen Demonstranten blockierten die Innenstadt; Raubtiere ernähren sich vorwiegend von Fleisch. Die Formulierung „die vorwiegenden Jugendlichen“ allerdings wäre eindeutig falsch.

Das als Synonym benutzte „überwiegend“ ist in erster Linie ebenfalls ein Adverb (Adverbien sind unveränderliche Umstandswörter und werden nicht dekliniert): Morgen soll es überwiegend heiter werden; eine überwiegend katholische Gegend. Und dennoch, „überwiegend“ begegnet uns auch als Adjektiv (Adjektive sind Eigenschaftswörter und werden vor Hauptwörtern dekliniert): Die überwiegende Mehrheit der Deutschen liebt ihr Auto.

Sprachpuristen werden einwerfen, dass die Fügung „überwiegende Mehrheit“ ein Pleonasmus (eine Bedeutungsverdoppelung) sei, denn eine Mehrheit überwiege immer. Es soll hier jedoch zum Ausdruck gebracht werden, dass es sich um deutlich mehr als die einfache Mehrheit und um deutlich weniger als das Ganze handelt.

Apropos: Selbst ernannte Sprachpfleger gehen notfalls bis ins Indogermanische zurück, um einer deutschen Wortbildung etwas Negatives anzuhängen. Besonders im Schussfeld steht dabei seit Langem das Adverb „nichtsdestotrotz“, das laut Duden eine scherzhafte und umgangssprachliche Mischbildung aus „nichtsdestoweniger“ und „trotzdem“ ist. Ich habe mir angewöhnt, notfalls „nichtsdestoweniger“ statt „nichtsdestotrotz“ zu schreiben, nicht weil ich diesen Ausdruck für sprachlogischer halte, sondern weil ich mir erfahrungsgemäß mit „nichtsdestotrotz“ einen Shitstorm ins Postfach spülen würde.

Die Kontamination „nichtsdestotrotz“ scheint für viele Leser ein Unwort zu sein, während es sich für die überwiegende Mehrheit inzwischen um ein ganz normales Adverb handelt. Es entstand im 19. Jahrhundert als Scherzbildung wahrscheinlich in Berlin. Sprachkritiker wie Kurt Tucholsky lehnten den Ausdruck ab, Heinz Erhardt verwendete ihn für seine Sketche. Doch im Laufe der Jahre wurde er immer häufiger gebraucht. Seine Bedeutung verlor im Bewusstsein der Allgemeinheit ihren negativen Anklang. Auch die Sprache entwickelt sich und wird mit der Zeit gefiltert.

Es ist an der Zeit, jetzt auch dem ursprünglichen Scherzadverb „nichtsdestotrotz“ die deutsche Sprachbürgerschaft zu gewähren. Wer sich daran nicht gewöhnen kann, für den habe ich einen Vorschlag: Schreiben Sie einfach „trotzdem“! Das liest sich kürzer.

deutschstunde@t-online.de

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